Impuls zum Fest

Maria Himmelfahrt

Warum nur steht die Maria im Chor des Grossmünsters mit leeren Händen da, als wäre ihr das Jesuskind soeben entglitten?

Die Antwort findet sich in der Entstehungsgeschichte: Der erste Entwurf von Augusto Giacometti 1933 zeigte eine sitzende Maria mit Jesus auf ihrem Schoss. Doch diese Madonna war der Kirchenpflege zu katholisch. Der Künstler korrigierte daraufhin seinen Entwurf, sodass wir heute eine dominante Maria vor uns haben, der Jesus zu Füssen liegt. Und das in Zwinglis Kirche, wo doch der Reformator genau das kritisierte, dass Jesus zu oft im Schatten seiner Mutter steht. Für Zwingli muss Maria ganz hinter Jesus zurücktreten: «Die grösste Ehre, die sie hat, hat sie von ihrem Sohn.» Darum heisst Maria ehren, ihren Sohn ehren: «Ist nun ihre grösste Ehre ihr Sohn, so ist es auch ihre grösste Ehre, dass man ihn recht erkenne, ihn vor allen Dingen liebe und ihm ewiglich für die Wohltaten dankbar sei, die er uns getan hat.»

Zwinglis Verhältnis zu Maria war noch unverkrampft. Das «Ave-Maria» wurde in den Zürcher Kirchen noch vierzig Jahre lang nach Einführung der Reformation gebetet. Denn es fällt von Jesus her auch ein besonderes Licht auf seine Mutter: «Je mehr die Ehre und die Liebe zu Christus Jesus unter den Menschen wachsen, desto mehr wachsen auch die Wertschätzung und Ehre Marias, eben weil sie uns den erhabenen und dennoch barmherzigen Herrn und Erlöser geboren hat.» Aus diesem Grund ist Zwingli überzeugt, «dass der heiligen Maria ein besonderes Lob zukomme, das sonst keinem anderen Geschöpf zukommt».

Jesus in den Armen seiner Mutter ist Urbild und Sinnbild für die Menschwerdung Gottes. Gott vertraut sich dem Menschen an. Doch wie jede Mutter muss auch Maria ihren Sonn loslassen. Er gehört allen Menschen. In diesem Sinne bekommt die Maria im Chor des Grossmünsters, sicher ungewollt, doch noch ihre besondere Bedeutung: als Mutter, die ihren Sohn freigibt für die Menschen, zu denen er gerufen ist.

Einen neuen, ökumenischen Zugang zu Maria eröffnet Chiara Lubich: Sie verstand ihre Berufung darin, Maria zu sein. Christinnen und Christen sind gerufen, Jesus den Menschen von heute zu bringen – nicht wie Paulus primär durch das Wort, sondern durch das Sein – indem sie Jesus in sich und unter ihnen Raum schaffen, in seinem Geist und seiner Gesinnung den Mitmenschen begegnen und mit ihm in ihrer Mitte (Matthäus 18,20) leben.


Text: Peter Dettwiler

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Peter Dettwiler, reformierter Theologe, ehem. Ökumene-Beauftragter der Reformierten Landeskirche Zürich, Mitglied der Fokolar-Bewegung