Editorial

Casino-Politik

Während der Finanzkrise 2008 fiel häufig das Wort «Casino-Kapitalismus». Damit wurde der leichtfertige, risikoreiche und verantwortungslose Umgang mit Geldern gebrandmarkt. Inzwischen sind wir bei der «Casino-Politik» angekommen.

Den Brexit beispielsweise haben wir auch dem taktischen Machtpoker der englischen Polit-Elite zu verdanken. Ihr schien und scheint es gar nicht so sehr darum zu gehen, über die Frage des Verhältnisses von Grossbritannien zu Europa ernsthaft, auch kontrovers zu diskutieren und sich für das Wohl ihrer Landsleute zu sorgen. Vielmehr wirkt der Brexit wie ein Vehikel, mit dem sie Machtkämpfe austragen. Sie missbrauchen Entscheidungen von grosser Tragweite, um unliebsame Gegner, häufig sogar aus der eigenen Partei, loszuwerden und sich den eigenen Karriereweg freizusprengen.

Noch leichtfertiger ist das Säbelrasseln in Asien – das nordkoreanische wie das US-amerikanische. Geltungsdrang und Imponiergehabe scheinen Vernunft und Vorsicht hüben wie drüben abgelöst zu haben. Man zündelt mit dem Feuer. Gefällt sich in martialischer Rhetorik. Und gebärdet sich dabei, als stehe eine Playmobil-Schlacht unter Rotzlöffeln bevor.

Eine politische Elite hat es schon immer gegeben und wird es immer geben. Machtkämpfe ebenfalls. Aber wenn der Eindruck um sich greift, dass die Mächtigen Politik lediglich als Spielplatz für ihre Ich-AG verstehen, dann hat das auf Dauer verheerende Folgen, weil so die Glaubwürdigkeit unserer Demokratien untergraben und letztlich zerstört wird.

Es geht nicht ums Zündeln als medialen Schaukampf. Am Ende der Lunte stehen echte Vernichtungswaffen. Wenn die Lage explodiert, herrscht echter Krieg, sterben echte Menschen, kommt echtesLeiden über uns. Politik ist kein «Game of Thrones», wo wir nach jeder Vernichtungsorgie vergnügt die nächste Staffel erwarten.

Text: Thomas Binotto