Narrenschiff

Lob dem Analogen

Wenn ich mich wieder jung fühlen will, dann gehe ich ins Warenhaus. In die Musikabteilung. Dort warten Vinyl-Schallplatten auf mich.

Hier ist nicht nur mein Jungbrunnen. Hier finde ich auch Bestätigung als Prophet. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir ein unlöschbares Bedürfnis nach dem Analogen in uns tragen. Nach den Dingen, die man anfassen kann. Nach Dingen, die sichtbar Platz wegnehmen und unpraktisch sind. Nach Dingen, einmalig und zerbrechlich.

Allerdings löst das Vinyl-Revival in mir auch stillen Ärger aus. Ärger über mich selbst, weil ich vor zwanzig Jahren im Rausch der Compact Disk meine gesamte Schallplatten-Sammlung weggegeben habe. Und damit auch einen Teil meiner Erinnerung. An die Zeiten, in denen ich zwölf Monate auf ein neues Album meiner Band gewartet habe. An das Taschengeld, das ich mir zusammengespart habe, um dieses Album kaufen zu können. An die Endlosschleife auf meinem Plattenteller. Und an die Nachmittage am Tresen im Schallplattenladen mit ihren Entdeckungen, für die ich dann wieder jahrelang warten, sparen und dauerhören konnte.

So ging es mir mit der Musik. Und mit der Literatur. Mindestens einmal pro Monat ging ich als Student auf Antiquariats-Tour. Es war ein lustvolles Werben um seltene, schöne, begehrenswerte Bücher, die für mich unendlich mehr wert waren als die paar Franken, die sie jeweils kosten durften. Was für Schätze habe ich damals gehoben. Und welches Glücksgefühl ich dabei empfand.

Dann meine Videothek. Das erste VHS-Band, das ich mit achtzehn bespielte. Wie ich stundenlang das Fernsehprogramm nach Trouvaillen durchforstete. Raritäten auf Magnetband festhielt, die seither nur noch in Filmarchiven und in meiner Videothek schlummern.

Die Musikkassetten, die ich ebenso liebevoll wie missionarisch für Freunde und Freundinnen zusammengestellt habe. Mit einem eigenhändig gestalteten Cover unter hingebungsvollem Einsatz von Letraset-Folien.

Längst bin ich vom Kultur-Streuner zum Content-Streamer geworden. – Ist mir gerade nach Fredl Fesl? Spotify hat’s gespeichert. – Eine Woche lang auf die nächste Folge warten? Netflix macht’s unmöglich. – Und Antiquariate durchforsten? – Amazon erledigt’s effizient.

Aber ich vermisse das Suchen, Warten, Finden, Geniessen. Ich vermisse es mehr noch als die Rüebli-Jeans. Die Vinyl-Abteilung, sie ist deshalb für mich nicht nur ein nostalgischer Ort. Sie lässt mich über meine Spiritualität nachdenken.

Text: Thomas Binotto