Interview

Sinn finden und Sinn geben

Der Theologe und Gerontologe Heinz Rüegger über das Alter mit seinem Suchen und Fragen.

Heinz Rüegger, Sie plädieren in Ihrem Buch dafür, statt Anti-Aging eine Perspektive des Pro-Aging ins Zentrum zu stellen. Wollen Sie uns das hohe Alter schönreden?

Heinz Rüegger: Das könnte man meinen. Aber darum geht es nicht. Anti-Aging ist eine Haltung, die sagt: Das Altern ist etwas, das man verhindern oder überwinden sollte. Pro-Aging ist das Gegenteil davon: Alt werden und alt sein ist, wie immer es ist. Wir sollten es bewusst leben, bewusst gestalten, bewusst empfangen als Teil des Lebenszyklus. Alter muss nicht wegtherapiert werden. Es gehört dazu, so ist menschliches Leben gedacht.

Aber muss deswegen das Alter gleich auch noch Sinn machen?

Die Frage nach Sinn ist eine, die sich Menschen einfach stellen. Menschen sind sinnsuchende, sinnschaffende, sinnbewusste Lebewesen, im Unterschied zu Würmern, Giraffen etc. Es geht hier nicht um die Aufforderung, Sinn zu suchen, sondern um das Bedürfnis, von dem Viktor Frankl sagt, dass es das tiefste grundschmenschliche sei.

Kommt man durch Nachdenken zum Sinn?

Philosophen und Theologen stellen die Sinnfrage auf der intellektuellen Ebene. Normalerweise erleben Menschen Sinn und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Was ihnen subjektiv das Gefühl von Sinn gibt, ist das, was ihnen das Gefühl vermittelt: «Das Leben stimmt irgendwie. Es ist bejahenswert. Ich kann mit Engagement in eine bestimmte Richtung gehen.» Diese Richtung muss nicht einmal lustig sein, und das Gehen muss nicht in der Art eines 25-Jährigen sein. Vielleicht ist es herausfordernd. Aber ich bin bereit, es anzunehmen.

Wie komme ich zu diesem grossen Ja?

Indem man zum Beispiel lernt, einen Blick zu bekommen für das Gute, das in ganz unterschiedlichen Momenten auf mich zukommt. Neben der Achtsamkeit ist Dankbarkeit eine sinnfördernde Qualität. Und Sinnlichkeit. Weil Sinn und Sinnlichkeit zusammenhängen. Einen grossen Teil der intuitiven Sinnerfahrungen nehmen wir sinnlich auf. 

Das ist auch bei Hochbetagten so, die es schätzen, wenn jemand da ist, der neben ihnen sitzt und sanft die Hand hält oder streichelt oder ein vertrautes Lied singt und damit vielleicht bedeutsame Erinnerungen wachruft. Eine der ursinnlichsten Wahrnehmungen ist der Geruchssinn. 

Gerade in Heimen ist es wichtig, den Bewohnerinnen und Bewohnern die Möglichkeit zu geben, solche Erfahrungen zu machen: nach dem Regen in den Garten zu sitzen, der intensiv riecht; die Sonne auf der Haut zu fühlen und ein leichtes «Windli», das darüberstreicht. Das kann eine tiefe Erfahrung wunderbarer Sinnhaftigkeit sein. Oder – im Pflegebett liegend – das sanfte Fell eines Büsis zu streicheln. 

Nicht immer sind es die grossen theologischen Weltentwürfe, die den Sinnhunger der Menschen stillen. Manchmal ist ein Büsi viel effizienter.

Um Sinn zu finden, müssen wir also nicht auf die grosse Reise gehen?

Es gibt die Vorstellung, dass Sinn etwas ist, was in der Welt drin ist. Und ich muss ihn bloss entdecken. Meine Aufgabe wäre es dann, wie ein Archäologe zu buddeln, um irgendwann in einer Schicht meines Lebens den Sinn zu finden. Wie Grundwasser, das man dann anzapfen kann.

Dann gibt es die Vorstellung, dass man Sinn wie auch Glück selber macht. Wirklichkeit ist sinnneutral. Sinn entsteht, wenn ich aus irgendwelchen Gründen entscheide: Ja, das ist wertvoll. Dies geschieht, weil ich dadurch positive Gefühle generieren kann, weil kognitiv ein Weltbild aufgeht, das mir sagt, es ist stimmig, oder weil gewisse Werte verwirklicht werden. Ich gebe also einer Erfahrung Sinn. Das, was für mich sinnvoll ist, kann für jemand anders durchaus nicht sinnvoll sein.

Meiner Meinung nach kann man diese beiden Modelle nicht so voneinander trennen. Es ist beides. Für mich steht zuerst das Gefühl: Dort draussen gibt es irgendetwas, das die Erfahrung von Sinn in mir auslöst. Es gibt Sinn. Und das macht für mich Sinn. Was aber auch wichtig ist: Wirklich Sinn erlebe ich nur, wenn ich den Ball, der mir zugespielt wird, aufnehme und mitspiele. Dann bin ich der, der Sinn gibt. Das gehört beides zusammen.

Was ist, wenn man an den Punkt kommt, wo es zur aktuellen Situation kein Ja mehr gibt?

Es gibt Momente, wo Leben subjektiv so mühsam wird und wo das Leben zu Ende zu bringen, so schnell als möglich, als grösster Sinn gesehen wird. Wichtig ist, dass man auch im Enden des Lebens Sinnhaftigkeit sieht und nichts Pathologisches, was schleunigst behandelt werden muss.

Welche Rolle spielt Religion bei der Sinnfindung im hohen Alter?

Sinn und Heil ist eine schwierige Kombination. Im christlichen Umfeld heisst es oft: Wer an Gott glaubt und bei ihm geborgen, gehalten ist, der hat damit automatisch Sinn. Ich möchte den Sinnbegriff tieferhängen. Sinn ist die Frage nach der Stimmigkeit des irdischen Lebens, nicht nach dem jenseitigen. 

Ich finde es falsch, Vertröstung zu machen auf Sinn im Jenseits. Im Gegenteil: Hoffnung haben auf Sinn im Jenseits kann mich früher dahinbringen, das irdische Leben aufgeben zu wollen. Glaube an Gott bedeutet nicht, dass das irdische Leben deswegen schon Sinn macht. Seelsorger sollten nicht versuchen, hochaltrigen Menschen Sinn unterzujubeln oder gar ein schlechtes Gewissen zu machen, weil sie eben mehr an den von Gott gegebenen Sinn des Lebens glauben müssten. Da fühlt man sich erst recht in der Not allein gelassen.

Und letztlich gibt es doch einfach Dinge, die keinen Sinn machen. Oder?

Wenn man meint, das Leben müsse einem ständig ein Füllhorn von Sinnerfahrungen bringen, wird man in die Sinnlosigkeit hineinschlittern. So viel Sinn kann ein Leben gar nicht bringen. Die Entwicklung von Sinnlosigkeitstoleranz gehört zum Leben. So, wie Klagepsalmen zu den Psalmen gehören. Möglicherweise kann nur aushalten, dass Leben manchmal sinnlos wirkt, wer radikal und ehrlich klagen kann.

Und was ist mit der Sehnsucht danach, das Leben am Schluss zu einem letzten Ganzen runden zu können?

Viele finden, ein würdiges Beenden eines reifen Lebens müsse das leisten. Dieser Wunsch, den auch ich habe, ist urmenschlich. Er ist allerdings gefährlich, weil er häufig überfordert. In der Regel ist das menschliche Mass nur Stückwerk, nur Fragment. Nicht dass man nicht nach dem roten Faden im Leben, nach Sinnzusammenhängen streben soll.

Mich dünkt jedoch, dies müsste immer verbunden sein mit Offenheit und Bescheidenheit. Allem guten Meinen und Engagement zum Trotz: Wir bleiben fragmentarisch, ein Bruchstück. Dietrich Bonhoeffer hat gesagt, dass es nicht darum geht, über das Fragment hinauszuwachsen, sondern dass man unserem Fragment nur ansehen können soll, aus welchem Material das Ganze gebaut ist und wie es als Ganzes gedacht war. Sinn macht das Leben also nicht erst, wenn es aufgeht, wenn alles perfekt ist. Niemand erwartet das von uns.

Text: Ruth Eberle, Pfarreiblatt Zug

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Der promovierte Theologe Heinz Rüegger

ist als Theologe, Ethiker und Gerontologe

wissenschaftlicher Mitarbeiter am

Institut Neumünster, Zollikerberg.

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BUCHTIPP

Heinz Rüegger
«Vom Sinn im hohen Alter» Eine theologische und ethische Auseinandersetzung
TVZ-Verlag 2017, 172 Seiten
ISBN 978-3-290-17871-0


VERANSTALTUNG

Mi, 6. September 2017
19.00 bis 21.00 Uhr 
«Altern heisst Werden»
Referent: Dr. Leo Karrer

Zentrum christliche Spiritualität
Werdstr. 53, 8004 Zürich
www.zentrum-spiritualitaet.ch