Stolpersteine

«Treue»

In der Bibel steht Treue für die Verlässlichkeit Gottes. Er lässt seine Schöpfung nicht im Stich.

Schlägt man das Wörterbuch auf, um zu erkunden, was mit Treue ausgedrückt wird, so trifft man auf eine breite Vielfalt an Bedeutungen. «Treu» meint «unveränderlich fest», «fest verbunden», «anhänglich», «beständig», «gewissenhaft», «redlich», «aufrichtig», «zuverlässig».

Das englische «true», wohl verwandt mit dem niedermitteldeutschen Wort «truwe», weist darauf hin, dass das Wortfeld noch ausgedehnter ist: «Treue» hat auch die Konnotation von «wahr, echt, richtig».

Es ist also ein grosses Wort, bei dem gleich grosse Emotionen mitschwingen. Laut Untersuchungen sehnen sich über 90 Prozent der Bevölkerung in ihren Beziehungen nach Sicherheit, Beständigkeit und Geborgenheit. Diese Sehnsüchte verbinden sie mit dem Wort «Treue».

Es ist erstaunlich, wie sich das Ideal der Treue über die Zeit gehalten hat und gerade unter jungen Menschen eine neue Renaissance erlebt. Da wird auch verständlich, dass ein Treuebruch tief erschüttern kann. Das Zerbrechen der Verlässlichkeit, das Gefühl, belogen und betrogen worden zu sein, kann existenzielle Krisen auslösen.

In diesem Zusammenhang ist es besonders interessant, dass die Bibel in immer neuen Melodiefolgen von Gottes Treue spricht, wenn es um das Verhältnis Gottes zu den Menschen geht.

Dieser Gott der Bibel steht zuverlässig zu seinen Verheissungen und verwirklicht sie in seinem Handeln. Gott ist beständig und treu in der Zeit – gestern, heute und morgen. Seine Treue hält ewig, er steht unverbrüchlich zu seinem Bund mit den Menschen.

In der sogenannten «Gnadenformel» heisst es: «Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue» (Exodus 34,6).

So gibt sich Gott selbst zu erkennen, nachdem das Volk Israel aus dem Land Ägypten ausgezogen war und es an ihm zweifelte, weil der Weg in das versprochene gelobte Land so lange dauerte.

Treue gehört also zu den Wesenseigenschaften Gottes in seiner Beziehung zu den Geschöpfen. Der Mensch hingegen steht immer in der Gefahr, abtrünnig zu werden und die Treue zu Gott zu verraten. Auch davon berichtet die Bibel wieder und wieder.

Der Wunsch nach Treue und Verlässlichkeit ist dem Menschen wohl von der Schöpfung her mitgegeben. Mitgegeben scheint ihm aber auch zu sein, dass er zwar die tiefe Sehnsucht danach verspürt, aber trotzdem nicht
immer treu sein kann. Er muss je neu darum kämpfen und sich je neu dafür entscheiden. Und irgendwie ist Treue auch immer ein Geschenk.

Text: Birgit Jeggle, Professorin für Liturgiewissenschaft