Leben in Beziehung

Wenn Freundschaften mit einem Klick enden

Smartphones ermöglichen es heute, total unkompliziert mit Menschen in Kontakt zu kommen und neue Bekanntschaften zu schliessen. Sie bieten aber auch allzu leichte «Notausgänge».

Waren früher vor allem Vereine, die Pfarrei oder das berufliche Umfeld Biotope, in denen das soziale Netzwerk gedieh, können Jugendliche heute mit einem Klick potenziell mit Millionen Menschen auf der ganzen Welt in Kontakt treten – und das rund um die Uhr und von jedem x-beliebigen Ort aus. Das Smartphone – eine äusserst praktische Kontaktmaschine!

Doch so schnell wie online Kontakte geknüpft werden, so schnell können sie auch wieder beendet werden. «Sie hat sich nicht mehr gemeldet, wir alle haben versucht, an sie ranzukommen, aber sie hat einfach nicht reagiert», erzählte mir kürzlich die Mutter eines Teenagersohns, dessen Freundin sich plötzlich aus dem Staub gemacht hat.

In Fachkreisen gibt es inzwischen sogar einen Begriff für das Phänomen, sich völlig überraschend und ohne eine einzige Erklärung aus dem Leben des anderen zu verabschieden: Ghosting.

Von einem Tag auf den anderen werden Kurznachrichten nicht mehr beantwortet, Anrufe laufen ins Leere. Es kommt einem vor, als hätte sich die Freundin, der Freund – im wahrsten Sinne des Wortes – in Luft aufgelöst.

Diese Art des Kontaktabbruchs ist für die Zurückgelassenen besonders perfide: Sie haben keine Ahnung, weshalb der andere keinen Kontakt mehr will. Sie sind im Unklaren, ob sie etwas falsch gemacht haben oder ob vielleicht doch alles ganz anders ist und dem Freund etwas zugestossen ist…

Die Zurückgelassenen werden so mit Selbstvorwürfen und Unsicherheiten konfrontiert. Und es wird auch ein Lernprozess verhindert. Oft bleibt ein Unbehagen, sich auf neue Beziehungen einzulassen. Was, wenn das gleiche nochmals passiert?

Jemanden einfach mit einem Klick aus dem Smartphone und damit aus dem Leben zu löschen, erfordert keinen Mut und keine Anstrengung und ist gerade deshalb verführerisch. Freunde sind nur noch Objekte, von denen es ganz viele gibt, und die man nach Lust und Laune auswechseln kann. Warum sich da noch die Mühe nehmen, sich von Angesicht zu Angesicht zu erklären?

Über das Scheitern von Beziehungen und Freundschaften zu sprechen, ist noch immer ein Tabu. Es gibt kaum Vorbilder im persönlichen Umfeld und in den Medien, die vormachen, wie man bewusst und fair einen Kontakt beendet. Es fehlt der Mut, über eigene positive und negative Erfahrungen zu sprechen. Darüber, dass «Trennungsgespräche» wohl niemandem leicht fallen, sie aber oft klärend sind. Vielleicht könnte gerade das Mitteilen solcher Erfahrungen junge Menschen dafür sensibilisieren, dass «Ghosting» in jedem Fall für alle Beteiligten die schlechteste Lösung ist.


Ghosting - Wenn der Partner plötzlich verschwind – Beitrag im WDR

Text: Stephan Sigg

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Stephan Sigg schreibt Bücher für Jugendliche und ist Chefredaktor des Pfarrblatts für den Kanton St. Gallen «Pfarreiforum».

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Beziehungen müssen bewusst gepflegt werden. Und das geschieht nicht nur in den ganz grossen Fragen, auch die scheinbar kleinen, alltäglichen verdienen ihre Denkanstösse…

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