600 Jahre Niklaus von Flüe

Der weltliche Bruder Klaus

Am 25. September gedenkt die Katholische Kirche Niklaus von Flüe, der vor 600 Jahren geboren wurde. Nach einer theologischen Würdigung in der forum-Ausgabe 8/2017 beleuchten wir zum Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag die weltliche Seite des Einsiedlers vom Ranft.

 

Der Historiker Roland Gröbli ist mehr denn je überzeugt: Dorothee Wyss ist ein Glücksfall für Niklaus von Flüe – damals wie heute:

Mit dem Hörspiel «Ganz nah und weit weg» gab Anfang der 1980er Jahre die heute 77-jährige Klara Obermüller der Frau an der Seite von Bruder Klaus eine kraftvolle Stimme.

Seither ist das Interesse an der Ratsherrentochter von Stalden ob Sarnen weiter gewachsen. Es gründet vor allem auf der Überzeugung unserer Zivilgesellschaft, dass Männer und Frauen Leben gestalten und formen und gemeinsam Geschichte schreiben. Es ist deshalb nicht mehr als folgerichtig, dass die Frau, ohne deren Einverständnis und Unterstützung der Lebensweg von Niklaus von Flüe nicht möglich gewesen wäre, immer mehr aus seinem Schatten tritt.

Papst Johannes II. sprach vielen Menschen aus dem Herzen, als er 1984 anlässlich seines Besuchs im Flüeli-Ranft von der «heiligmässigen Frau Dorothee» sprach. Der Papst dankte ihr auch dafür, «anstelle ihres Gatten die Verantwortung für Familie, Haus und Hof zu übernehmen, damit der Weg des Heiligen frei werde für das Leben im Ranft, frei für das Gebet, frei für deinen Auftrag, Frieden zu stiften». 

Was Anfang der 80er Jahre teilweise noch auf Befremden stiess, ist heute weitgehend selbstverständlich. Gerade in jüngeren Erinnerungsstätten und ganz besonders in Deutschland stehen Dorothee und Niklaus vielfach als Synonym für ein beispielhaftes Paar und für ein erfülltes Leben in Gott. Beide waren notwendig, um diesen Weg gehen zu können. 

Im offiziellen Gedenkband setzen sich über zehn Beiträge ausschliesslich oder weitgehend mit Dorothee Wyss und der besonderen Spiritualität auseinander, die ihrem «doppelten Ja», dem Ja zur Ehe und dem Ja zu seinem Weg in die Stille, innewohnen.

Wer einen persönlichen Zugang zu Niklaus von Flüe sucht, tut gut daran, ihren gemeinsamen Weg, ihr gemeinsames Ringen in die eigene Suche miteinzubeziehen. Niklaus Kuster und Nadja Rudolf von Rohr haben mit Fernnahe Liebe eine kluge und lesenswerte Biografie aus ihrer Sicht geschrieben. Dorothee Wyss ist heute ein wichtiger und eigenständiger Teil der lebendigen Erinnerungskultur.

Ihre weibliche, sprich menschliche, Perspektive erleichtert es darüber hinaus, Niklaus von Flüe als Mitmenschen zu begegnen, der uns über sechs Jahrhunderte hinweg fasziniert. Dorothee Wyss ist deshalb auch heute ein Glücksfall für Niklaus von Flüe. Diese zutiefst menschliche Perspektive ermöglicht es gerade auch kirchenfernen Menschen, einen neuen Zugang zu Bruder Klaus und zum Ranft als Rückzugs- und Sehnsuchtsort des Gebets und der Stille zu finden.

Dies ist, davon bin ich fest überzeugt, auch eine Chance, Niklaus von Flüe, seine zeitlosen Wahrheiten und seine unbedingte Gottsuche unserer weitgehend säkularisierten Zivilgesellschaft auch in spiritueller und – warum nicht? – in religiöser Hinsicht neu näherzubringen. Gerade auch mit und dank Dorothee Wyss, seiner Frau.

Roland Gröbli (57) at als Germanist über Niklaus von Flüe promoviert. Er arbeitet als Generalsekretär bei der Georg Fischer AG. Als Präsident leitet er den wissenschaftlichen Beirat zum Gedenkjahr «600 Jahre Niklaus von Flüe».

Sternstunde Religion zu Bruder Klaus (u.a. mit Roland Gröbli)

 


Der Jurist Arnold F. Rusch sieht in der Flammenvision eine Mahnung, die bis in die Gegenwart reicht:

Vor ein paar Jahren fiel mir in der oberen Ranftkapelle ein Bild auf, das Niklaus von Flüe als Richter zeigt, der Flammen aus den Mündern seiner Richterkollegen steigen sieht. Dieses Motiv sieht man auch in der Flüelikapelle und an vielen weiteren Orten. Was war geschehen?

Es ging in diesem Prozess um ein Darlehen, für das ein «Gärtlein» als Pfand diente. Bei der Rückzahlung des Darlehens kam es zum Eklat: Der Darleiher nahm das Geld nicht an und wollte auch das Gärtlein nicht mehr hergeben.

Niklaus von Flüe machte seine Richterkollegen vergeblich darauf aufmerksam, dass die Auslösung des Pfands vertraglich vorgesehen sei: «Nichts destoweniger haben die Richter ihme dass Gärtlin abgesprochen, darauff ihnen dass Fewr auss dem Mund aussgangen, wie B. Clauss gesehen und dardurch bewegt worden, sich dess Richterambts, wie auch dess offerierten Landammanambts und anderer weltlicher Geschäfften sich zue entschlagen.» Wenig später zog er in den Ranft. Weshalb die Richter so entschieden, ist nicht klar: «Gunst und Verbunst» erwähnen die Historiker, was auf Gunst, Missgunst oder Käuflichkeit hinweist.

Es ging in diesem Prozess um ein Darlehen, für das ein «Gärtlein» als Pfand diente.

Es ging in diesem Prozess um ein Darlehen, für das ein «Gärtlein» als Pfand diente. Foto: Gemälde von Balz Heymann (1821)

1 | 1

Was würde Niklaus von Flüe heute als Richter stören? Der gerichtlichen Auseinandersetzung stand er kritisch gegenüber. Eindringlich ruft er zu gütlichen Einigungen auf: «…min raut ist och, das ir gütlich sigend in dissen sachen, wen eins guetz das bringt das ander; ob es aber nit in der fründschafft moecht gericht werden, so lausend das recht das böst [das Beste] sin.»

Er hat damit aber kaum gemeint, dass man um des Friedens willen in einem Vergleich auf einen Teil seiner Ansprüche verzichtet. Der Vergleich verwässert Ansprüche und entwickelt das Recht nicht weiter – es ist Streitbeilegung, nicht Rechtsprechung.

Niklaus von Flüe selbst hat die Interessen seiner Landsleute stets kraftvoll erstritten: Zu nennen ist der Streit mit dem Kirchherrn von Sachseln um das Recht auf den nassen Zehnten, eine Steuer auf Birn- und Apfelbäumen, und seine Teilnahme beim Streit um die Kollaturrechte bei Pfarrwahlen in Stans.

Gegen den an den Gerichten existierenden Vergleichsdruck hätte er also sicher Widerstände verspürt. Ebenso skeptisch würde er wohl die gewaltigen Kosten eines Prozesses und den gerichtlichen Formalismus sehen.

Was den friedlichen Eremiten aber ohne Zweifel in Rage bringen würde, ist die heute übliche parteipolitische Bestellung der Richter. Diese Richter erwerben das Amt durch das Versprechen, Parteisteuern zu bezahlen. Niklaus von Flüe betrachtete schon die Käuflichkeit kirchlicher Ämter als Übel – das zeigt seine Brunnenvision. Die Feuerflammen aus den Mündern der parteipolitisch bestellten Richter würden ihm auch heute noch den Schlaf rauben!

Arnold F. Rusch (46) ist Rechtsanwalt in Zürich und Titularprofessor der Universität Zürich sowie Lehrbeauftragter an der Universität Freiburg i. Ue.

Vortrag von Arnold F. Rusch zur Flammenvision des Niklaus von Flüe. Gehalten am 17. März 2017 in Gonten.

 


Der Künstler Luke Gasser scheut sich nicht, auch einem Heiligmässigen kritische Fragen zu stellen:

Am Obwaldner Staatsakt vom 30. April 2017 zu Ehren von Niklaus von Flüe begnügte man sich damit, den Mystiker bloss als politischen Ratgeber zu würdigen und ihn als wichtige politische Kraft seiner Zeit einzuordnen.

Das erscheint mir äusserst problematisch, denn gerade in diesem Bereich zeigen sich bei Bruder Klaus auch gewisse Irritationen. Tatsächlich gaben sich Diplomaten und Politiker im Ranft die Klinke in die Hand, um den berühmtesten Eidgenossen zu treffen, der erst noch im Ruf der Heiligmässigkeit stand.

Dabei ging es den hochwohlgeborenen Herren aber kaum darum, göttliche Erleuchtung zu bekommen; vielmehr legitimierte sie ein Besuch beim Heiligmässigen in ihrem Wirken – ähnlich, wie das in gewisser Weise ja auch bei einem Diktator durch den Empfang durch eine geachtete Nation geschieht.

Die damalige Zeit ist in politischer Hinsicht kein Ruhmesblatt für die Schweizer Geschichte: Das Patriziat und der neue Landadel machten etwa den grossen Reibach, als sie die jungen Männer auf den Schlachtfeldern verheizten. Längst war man zudem selber zu grimmigen Vögten geworden und regierte die Kolonien in der Ostschweiz und ennet dem Gotthard mit harter Hand.

Klaus von Flüe liess es nach 1481 auch zu, dass man ihn quasi zum Patron des Stanser Verkommnis machte.

Klaus von Flüe liess es nach 1481 auch zu, dass man ihn quasi zum Patron des Stanser Verkommnis machte. Foto: Diebold Schilling Chronik (1513)

1 | 1

Allein, dazu hat sich Bruder Klaus offenbar nie verlauten lassen, und damit liess er sich leider allzu leichtfertig vor die Karren der Herren spannen. Die Ratschläge, die er etwa der Berner Obrigkeit in Dankesbriefen für erhaltene Geldspenden gab, bleiben wenig konkret, was die politischen Machenschaften seiner Gönner betrifft.

Klaus von Flüe liess es nach 1481 auch zu, dass man ihn quasi zum Patron des Stanser Verkommnis machte; ganz offensichtlich hatte er sich den Wortlaut dieses Textes später nie vorlesen lassen: Der oft gepriesene Staatsvertrag wurde nämlich zur Basis, auf der sich die Eidgenossenschaft zu einer feudalen Gesellschaftsform von Herren und Untertanen wandelte.

Mystiker und Heiligmässige tun meines Erachtens gut daran, sich von der Politik nicht einspannen zu lassen. Jesus, dessen Name laut Bruder Klaus unser Gruss sein soll, hat sich weder mit dem Priesteradel von Jerusalem noch mit Herodes eingelassen und hat sich auch den Besatzern nie angenähert; nicht nur, aber eben auch darin zeigt sich seine grosse Glaubwürdigkeit.

Auch Franz von Assisi hat sich – wenn schliesslich auch vergeblich – mit Händen und Füssen gegen eine Vereinnahmung seitens der Mächtigen und der Kirche gewehrt. Ich hätte mir deshalb gewünscht, Bruder Klaus hätte das ebenfalls getan. Hätte er doch Heuchler und Wichtigtuer aus seiner Schlucht gejagt und gerade damit ein Zeichen gesetzt, in dem er sich den Mächtigen seiner Zeit verweigerte.

Aber vielleicht erwarten wir auch zu viel von einem einfachen Bauern, der von seiner eigenen Spiritualität übermannt wurde. Und darum schliesslich geht es in der Mystik: Den schier unmöglich erscheinenden spirituellen Weg zu finden, wo andere auch aus Mangel an entsprechender Begabung scheitern. Niklaus von Flüe ist darin nicht gescheitert und gilt deshalb zu Recht als einer der bedeutendsten und interessantesten Mystiker Europas.

Luke Gasser (51) ist als Filmemacher, Bildhauer, Musiker, Maler, Schauspieler und Autor einer der eigenständigsten und originellsten Künstler der Schweiz. Von ihm stammt der Film «Von Flüe – Ein Mann in Pilgers Art».

Luke Gasser: «Und essen mag er auch nicht mehr» Buch inkl. DVD

 

 

LESERMEINUNG…

Die Schwächen eines Heiligen zu erwähnen, ist sicher erlaubt. Es könnte sogar zu unserem Trost gereichen, nur müsste man sich dabei an die Wahrheit halten. Das aber vermisst man zum Teil bei Luke Gasser in seiner Beschreibung von Bruder Klaus. 

Dieser habe sich allzu leichtfertig vor den Karren der Herren spannen lassen, indem er deren Bereicherung durch die Reisläuferei nicht anprangerte und Heuchler und Wichtigtuer nicht aus seiner Schlucht gejagt habe. So wäre also seine Frömmigkeit im Widerspruch zu seinem Verhalten gegenüber den Grossen dieser Welt gestanden. 

Walter Nigg bezeugt aber in seinen Beschreibungen unseres Heiligen dessen Widerstand gegen die Reisläuferei. Und Roland Gröbli bekräftigt auf einer Website der Bruder-Klausen-Stiftung: 

«Während der Reformation erinnerten Reformatoren (Zwingli, Bullinger) vor allem an die politischen Ratschläge (Abkehr vom Pensions- und Söldnerwesen) des Eremiten, während die katholische Seite die religiösen Aspekte hervorhob.» 

Was die Heuchler und Wichtigtuer betrifft, hat Bruder Klaus zum Beispiel einem Abt, der sich bei ihm als Inquisitor aufspielte, seine habgierigen Machenschaften vorgehalten, sodass dieser beschämt abtreten musste. Bruder Klaus hat eine solche Abwertung nicht verdient.

Josef Köchle, Zürich


 

Den langen, interessanten Artikel über Bruder Klaus und seine Frau Dorothee Wyss nehme ich zum Anlass, der zahlreichen Verlobten und Ehepaare zu gedenken, die sich im Laufe der christlichen Geschichte trennten, damit einer der Partner dem Ruf Gottes folgen konnte. 

Von Beginn an waren es wahrscheinlich die Jünger Christi und ihre Ehefrauen. Über Letztere sagt die Bibel nichts aus. Man weiss nur, dass Christus die Schwiegermutter des Petrus heilte.

Ich traf einmal eine Protestantin. Sie war verlobt und wollte bald heiraten. Sie hatte ihre Ausstattung bereits beisammen. Während eines Spaziergangs erhielt sie den Ruf Gottes Diakonisse zu werden. Sie rang zwei Jahre mit sich selbst, bis sie Gott folgen konnte. Wie ihr Verlobter das Dilemma verarbeitete, weiss ich nicht. 

Ich denke an Eltern, die Ja sagen zur Berufung eines ihrer Kinder, und denke an diese jungen Erwachsenen, die wie Bruder Klaus und Dorothee vor einem endgültigen Entscheid stehen.

Helene Ambord, Zürich

Museum Bruder Klaus Sachseln

Angebot laufend

Das Museum in Sachseln bietet nicht nur eine zeitgemässe Einführung in Leben und Wirken des Niklaus von Flüe – es bringt dieses auch immer wieder in Kontakt und in Verbindung zur zeitgenössischen Kunst.

Museum Bruder Klaus Sachseln
Öffnungszeiten:
Di–Sa: 10–12 Uhr; 13.30–17 Uhr
So: 11–17 Uhr

Dorfstrasse 4, 6072 Sachseln
Winterpause ab 2. November 2017

Angebot laufend

«Dorothee und Niklaus stehen vielfach als Synonym für ein beispielhaftes Paar und für ein erfülltes Leben in Gott.»

Roland Gröbli

Angebot laufend

«Was den friedlichen Eremiten aber ohne Zweifel in Rage bringen würde, ist die heute übliche parteipolitische Bestellung der Richter.»

Arnold F. Rusch

Angebot laufend

«Hätte Bruder Klaus doch Heuchler und Wichtigtuer aus seiner Schlucht gejagt und damit ein Zeichen gesetzt, in dem er sich den Mächtigen seiner Zeit verweigerte.»

Luke Gasser