Stolpersteine

«Gehorsam»

«Gehorsam» hat keinen guten Ruf. Es klingt in unseren Ohren nach Fremdbestimmung, Machtdemonstration, Erniedrigung. Nicht zuletzt die Kirche hat diesen Begriff im Laufe der Jahrhunderte gnadenlos heruntergewirtschaftet.

In der Ordensregel des hl. Benedikt gibt es einen Abschnitt zum Gehorsam. Er ist überschrieben mit «Der gegenseitige Gehorsam». Und damit ermöglicht Benedikt eine überraschend andere Sicht.

Gehorsam wird von Benedikt also nicht als Befehlsausgabe gesehen – von oben nach unten verordnet und von unten nach oben eingehalten. Gehorsam ist für ihn nur dann förderlich und fruchtbar, wenn er aus gegenseitiger Wertschätzung entsteht; wenn er als Teil unserer Kommunikation verstanden wird; wenn wir im «Gehorsam» vor allem das Hören betonen und einüben.

Obwohl es von Benedikt nicht explizit so formuliert wird, erlaube ich mir den Abt als Vorsteher des Klosters in diesen gegenseitigen Gehorsam miteinzubeziehen. Auch er ist zum Gehorsam seinen Mitbrüdern gegenüber verpflichtet. Auch er muss genau hinhören. Er soll in seinem Hören erkennen, was die Zeichen der Zeit sind und sich dann selbst und die Gemeinschaft im gegenseitigen Gehorsam danach ausrichten.

Bei Papst Franziskus habe ich sehr oft, wenn auch nicht immer, den Eindruck, dass ihm genau diese Art von Gehorsam vorschwebt. Dass er sich als Oberhaupt der katholischen Kirche in diesem Sinne vor allem als Hörenden versteht.

Wenn wir unter Gehorsam tatsächlich die gegenseitige Verpflichtung zum genauen Hinhören entdecken, dann ist er nicht länger ein Werkzeug der Unterdrückung. Es geht dann nicht um das Erfüllen von Vorschriften und Befehlen, sondern um das gegenseitige Hinhören und Verstehen. Im Gehorsam gelingt es uns dann sogar zu schweigen, damit wir besser hören können. Und so mancher Konflikt würde sich bereits dadurch buchstäblich beruhigen.

Der Gehorsam wird seinen verbindlichen Klang zwar nicht verlieren – und das ist auch gut so! Aber es wird eine viel tiefere Verbindlichkeit dadurch entstehen, dass man ein gemeinsames Werteverständnis entdeckt und sich dann auch gemeinsam danach richtet. Man ist dann nicht mehr einer Person, sondern einer Einsicht gegenüber gehorsam.

Menschen in leitenden Funktionen, sei es nun in Kirche, Staat oder Wirtschaft, bezeichnen sich selbst gerne als Dienende. Diese Selbstdeklaration macht nur dann Sinn und ist nur dann zulässig, wenn diese Diener ihr Verständnis von Gehorsam dementsprechend schulen und praktisch umsetzen. Nur dann dürfen sie sich guten Gewissens «gehorsame Diener» nennen.

Text: Thomas Binotto