Schlusstakt

Glückliche Sünder

Christen verlangen gerne, dass in der Praxis leuchten müsse, was in der Theorie behauptet werde. Und ihre Gegner werfen ihnen ebenso gerne Moralismus und Heuchelei vor.

Ist das Christentum tatsächlich die Religion des hohen Anspruchs, dem man praktisch gar nicht genügen kann, wodurch man zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist? Viel hängt davon ab, wie wir Christen uns selbst sehen: Sehen wir uns als Stellvertreter Christi? – Oder sehen wir ihn als unseren Erlöser?

Wenn wir von uns Stellvertretung erwarten, dann werden wir zwangsläufig in der Überforderung und im Scheitern landen. Und wenn wir uns dieses Scheitern nicht eingestehen, dann sinken wir noch tiefer in Moralismus und in Heuchelei.

In diese Falle tappen wir gar nicht selten, selbst wenn wir ehrlich überzeugt sind, nur an uns selbst Ansprüche zu stellen. Der Glaube an Christus macht uns nicht zu besseren, sondern zu erlösten Menschen.

Gerne zitieren wir all jene Stellen, in denen Christus sich ohne Moralkeule den Sündern zuwendet und ihnen Erlösung verspricht. Und doch trauen wir offenbar dieser Verheissung nicht wirklich. Wir möchten partout keine Sünder sein, obwohl Christus ausdrücklich für die Sünder gekommen ist. Wir möchten uns als Christen so vollkommen verhalten, dass wir letztlich der Erlösung gar nicht mehr bedürfen. So entstehen die guten Werke, mit denen wir uns den Himmel verdienen wollen. Und so entsteht Luthers Unbehagen.

Inzwischen haben sich die katholische und reformierte Kirche darauf geeinigt, was im Tiefsten schon immer beiden klar war: Den Himmel kann man sich nicht verdienen. In den Himmel wird man erlöst. Wir sind das Schloss, nicht der Schlüssel.

Und dennoch ist bis heute kein Christ und damit auch keine Konfession vor dem Leistungschristentum gefeit. Das liegt an unserem Geltungsdrang und unserer Eitelkeit. Wir möchten gerne Ansehen geniessen und als vorbildliche Christen bewundert werden. Wir sehen Sünde als moralische Kategorie und damit den Sünder als schlechten Menschen.

Die Evangelien stützen diese Sicht nicht. Wenn sich Jesus Christus den Sündern zuwendet, dann moralisiert er nicht. Er liebt sie! Ganz einfach, weil es einem unvollkommenen Menschen guttut, geliebt zu werden, denn nur wer unvollkommen ist, ist sich selbst nicht genug. Deshalb kann Christus nur Sünder – unvollkommene Menschen also – erlösen.

Damit auch wir als aufrechte Sünder erlöst werden können, brauchen wir uns übrigens gar nicht anzustrengen. Wir sind immer und jederzeit unvollkommen, wir müssen es uns nur eingestehen.

Text: Thomas Binotto