Zoo als Lebensraum

Arche Noah oder Gefängnis?

Ist der Zoo ein Hort der Artenvielfalt und der Sensibilisierung für Ökosysteme – oder ein Ort, an dem Tiere zu unserem Vergnügen eingesperrt werden? Was ein Zoodirektor, eine Theologin und ein Naturfotograf dazu denken.

Netzartig transparent wölbt sich das geschwungene Holzdach über die Innenanlage des Kaeng Krachan Elefantenparks im Zoo Zürich. Die Sonnenstrahlen, die durch die Oblichter fallen, zeichnen Muster auf die Elefantenrücken. Elefantendame Indi sucht die Vertiefungen in den Mauern nach Futter ab, während Youngster Omysha, 2015 kurz nach der Eröffnung der Anlage geboren, die Zoobesucherinnen und -besucher beäugt. Zeigt sich Neugierde auch in ihren Augen? Und: Wer beobachtet eigentlich wen?

Die acht asiatischen Elefanten – der jüngste ist gerade mal sieben Monate alt – haben im neuen 11 000 m2 grossen Park sechs Mal so viel Platz wie früher.

«Die Elefanten können sich im Kaeng Krachan Elefantenpark praktisch so bewegen, wie sie wollen, wann sie wollen, am Tag wie auch in der Nacht, drinnen und draussen», erklärt Alex Rübel, Direktor des Zürcher Zoos. «Sie haben ein Familien- und ein Sozialleben, müssen ihre Nahrung suchen, die im Park auf über 40 Standorte verteilt zu finden ist. Unsere Tiere sollen ihre Fähigkeiten nutzen können, selber Nahrung zu finden und auf andere achtzugeben.» Bei den Elefanten sind zehn weitere Tierarten – unter anderem Antilopen und Hühner – zu Hause.

Elefantenhaus im Zoo Zürich

Elefantenhaus im Zoo Zürich Foto: Foto: Zoo Zürich, Jean-Luc Grossmann/zvg

Ist der Zoo ein Hort der Artenvielfalt und der Sensibilisierung für Ökosysteme?

Ist der Zoo ein Hort der Artenvielfalt und der Sensibilisierung für Ökosysteme? Foto: Foto: Zoo Zürich, Enzo Franchini/zvg

«Wir kümmern uns heute um das Leben der Tiere in der Welt von morgen», sagt Zoo-Direktor Alex Rübel.

«Wir kümmern uns heute um das Leben der Tiere in der Welt von morgen», sagt Zoo-Direktor Alex Rübel. Foto: Foto: Zoo Zürich, zvg

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Es hat sich viel getan in der Welt der Zoos, nicht nur in Zürich. Das Schreckensbild von Rilkes Panther, der mit leerem Blick im engen Käfig stereotyp den Gitterstäben entlang hin und her läuft, gehört weitestgehend der Vergangenheit an. Die klassische Tierhaltung in kleiner Behausung ist grosszügigen, der Natur nachempfundenen Anlagen gewichen. 

«Als Zentrum für Naturschutz und Arterhaltung will der moderne Zoo seine Besucher informieren, weiterbilden und letztlich zum Handeln anregen. Als Mittler schafft er eine Beziehung zwischen Mensch und Tier: Nur wer Tiere kennt, wird Tiere schützen», sagt Alex Rübel.

«Ein gut geführter Zoo ist heute ein Botschafter der Tiere», ist auch Naturfotograf Thomas Sbampato überzeugt. «Und für die Menschen ist er ein Zugang zur Wildnis.» Nicht alle, das ist dem Zürcher klar, haben wie er das Privileg, über Monate Bären in Alaska oder Raubkatzen, Giraffen und Elefanten in Namibia beobachten zu können. 

«Und auch im Internetzeitalter macht es eben einen grossen Unterschied, ob wir Tiere nur zweidimensional anschauen oder sie auch riechen und in eine Interaktion mit ihnen treten können. Dank Tamagotchis bräuchten wir sonst auch keine anderen Haustiere mehr.»

Die Entwicklung des Zoos

Ambivalenter ist das Verhältnis zum Zoo von Cornelia Mügge, Ethikerin mit Forschungsinteresse Tierethik an der Universität Fribourg. «Als Kind war ich sehr gern im Zoo und habe die Tiere beobachtet, allerdings sind mir auch schon bald die Verhaltensstörungen vieler Tiere aufgefallen. Natürlich hat sich seitdem viel geändert, die Gehege sind grösser geworden und bieten Rückzugsmöglichkeiten. 

Trotzdem sind die grundsätzlichen Konflikte und die ethische Problematik nicht verschwunden: Die Tiere werden in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und unterliegen in allem menschlicher Kontrolle – in ihrer Reproduktion, in der Art und dem Zeitpunkt ihrer Nahrung, und nicht zuletzt müssen häufig überzählige Tiere getötet werden.» 

Und was die Mensch-Tier-Beziehung betrifft, meint die Theologin: «Auch in der Begegnung mit Katzen oder Eidechsen kann ich einen Zugang zum Tier bekommen. Muss ich dazu wirklich einen Elefanten oder Löwen im Zoo gesehen haben?»

Elefantenbulle Maxi nimmt derweilen in einem der sechs Pools der Anlage ein Bad. Durch die dicke Glasscheibe ist die überraschende Grazie des Dickhäuters äusserst packend. Der Zoo Zürich hält und züchtet Asiatische Elefanten im Rahmen des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms. Und zusammen mit lokalen Partnern unterstützt er den Kaeng Krachan Nationalpark in Thailand – von dem die Elefantenanlage ihren Namen hat – zum Schutz der dort lebenden Elefanten und zur Sicherung ihres Lebensraums.

«Wir kümmern uns heute um das Leben der Tiere in der Welt von morgen», sagt Alex Rübel. 1,2 Millionen Franken investiert allein der Zoo Zürich jährlich in Natur- und Artenschutzprojekte. Weltweit stellen die Zoos für Naturschutzprojekte gleich viel Geld zur Verfügung wie der WWF. Das grösste Problem sei heute längst nicht mehr, eine Tierart zu erhalten als vielmehr deren Lebensraum, erklärt der Zoodirektor. «Das Tier ‹Mensch› dominiert unseren Planeten. Die unberührte Natur ist zur Illusion verkommen. Es gibt keinen Ort auf dieser Welt mehr, wo die Tiere nicht in der einen oder anderen Form durch den Menschen unter Druck gekommen sind.»

Quelle: BAFU, 2016

Quelle: BAFU, 2016 Foto: Grafik: Nadja Hoffmann

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Auch wenn zahlreiche Tiere auf diesem Planeten ohne die Zuchterfolge der Zoos längst ausgestorben wären, sieht Ethikerin Cornelia Mügge deren Arche-Noah-Funktion kritisch: «Viele Tierarten lassen sich ja gar nicht auswildern. Wenn aber bedrohte Tierarten nur noch im Zoo gehalten werden können, geht es doch wieder vor allem um den Menschen. Wir wollen uns an der Artenvielfalt erfreuen. Dem einzelnen Tier ist es letztlich egal, ob es zu einer seltenen, aussterbenden Art gehört. Und allein unsere Freude rechtfertigt nicht, dass einzelne Tiere ein eingeschränktes Leben in Gefangenschaft führen müssen.»

Nur der Mensch empfinde das Zoogehege als Käfig, ist Alex Rübel überzeugt: «Für das Tier – das ja bereits im Zoo geboren wurde – ist es sein Lebensraum. Sind alle seine Bedürfnisse befriedigt, ist ihm wohl. Dafür muss es nicht gleich leben wie in der Wildnis.»

Auch in freier Natur, gibt Thomas Sbampato zu bedenken, sind die Tiere nicht wirklich frei. Sie leben in Revieren, die sie zu verteidigen haben –ein oft erstaunlich enger Lebensraum. «Bei uns Menschen ist es ja auch nicht anders. Unsere Freiheit entspricht häufig einer romantischen Vorstellung. Wir können selten tun und lassen, was wir wollen. Auch unser Aktionsradius ist meist beschränkt.»

Verschiedene Inszenierungen im Kaeng Krachan Elefantenpark illustrieren und thematisieren den Konflikt zwischen Menschen und Elefanten im Kaeng Krachan Nationalpark in Thailand. Tafeln liefern Informationen zu den Dickhäutern. «Wir sind eine Bildungsinstitution», sagt Alex Rübel. 

In der Wissensvermittlung sieht Thomas Sbampato längst die Hauptaufgabe eines Zoos: «Doch leider gehen viele Mütter mit ihren kleinen Kindern meist direkt auf den Spielplatz. Und kaum sind aus den Kindern Jugendliche geworden, gehen sie nicht mehr in den Zoo. Dabei gäbe es hier so viel Spannendes zu entdecken, auch viele interessante Berufe – oder Einblicke in die Verhaltensforschung, die im Zoo intensiv betrieben wird, weil dies oft in freier Wildbahn nur unter erschwerten Bedingungen möglich ist.»

Ein Zoo sei eine Wildtierhaltung, bei der man Besuchern Tiere zeige, entgegnet Cornelia Mügge. «Zoos führen gern an, dass sie zur Bildung beitragen und das Engagement für Tiere und den Artenschutz stärken. Die bisher durchgeführten Studien können aber nicht belegen, dass das tatsächlich der Fall ist.» 

Das an den Zoo angepasste Lebewesen transportiere zudem lediglich eine Vorstellung vom Tier – «es ist längst nicht das Tier in der Wildnis. Motiviert mich das wirklich, mich für Wildtiere einzusetzen und für ihr Ökosystem?» Auch Menschen, welche die Masoala-Halle im Zürcher Zoo noch nie gesehen hätten, spendeten Geld für den Regenwald, ist die Ethikerin überzeugt.

Indi, Maxi und Omysha sind ins weitläufige Aussengehege verschwunden. Zwischen den Bäumen lassen sich ihre Silhouetten nur knapp erahnen. Rund fünf Kilometer weit laufen die Elefanten täglich in der Anlage. Ungefähr gleich viel wie ihre Artgenossen in Thailand. Ob sie bei ihren Streifzügen von ihrem natürlichen Habitat in Asien träumen?

Warum Zooforschung im Zoo?

Text: Pia Stadler

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«Als Mittler schafft der Zoo eine Beziehung zwischen Mensch und Tier: Nur wer Tiere kennt, wird Tiere schützen.»

Alex Rübel

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«Wenn bedrohte Tierarten nur noch im Zoo gehalten werden können, geht es vor allem um den Menschen. Wir wollen uns an der Artenvielfalt erfreuen.»

Cornelia Mügge

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«Es ist ein Unterschied, ob wir Tiere zweidimensional anschauen oder sie auch riechen und
mit ihnen in eine Interaktion treten können.»

Thomas Sbampato

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«Besuch im Zoo»
Thomas Sbampato
Haupt Verlag 2015
ISBN 978-3-258-07881-6

Ein informatives Kinder-Mitmachbuch mit Internetfilmen aus dem Zoo-Alltag.


«Tiere denken»
Richard David Precht
Goldmann Verlag 2016
ISBN 978-3-442-31441-6

Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen.