Editorial

Geschlechterselektion

In der Schweiz nimmt der Druck zu, bei ungeborenen Kindern eine Selektion nach Geschlechtern vornehmen zu können.

Nach Schätzung von Daniel Surbek, Chefarzt am Inselspital in Bern, werden in der Schweiz jährlich ungefähr 100 ungeborene Kinder abgetrieben, weil sie das «falsche» Geschlecht haben. Wie die «NZZ am Sonntag» in ihrer Ausgabe vom 10. September weiter berichtet, wollen immer mehr werdende Eltern über das Geschlecht ihres Kindes bestimmen.

Bei natürlichen Schwangerschaften sieht die Gesetzeslage so aus: Der Schwangerschaftsabbruch liegt bis zur 12. Woche im freien Ermessen der Schwangeren. Durch einen einfachen Bluttest kann aber bereits ab der 10. Woche das Geschlecht festgestellt werden. Der Bundesrat möchte das in Zukunft verbieten.
Bei einer Befruchtung im Reagenzglas könnten theoretisch je nach Wunsch männliche oder weibliche Embryonen eingepflanzt werden. Das revidierte Gesetz zur Fortpflanzungsmedizin verbietet allerdings genau das.

Noch kann man also davon ausgehen, dass Geschlechterselektion in der Schweiz keine Mehrheit finden wird. Dennoch wird der Druck nicht schwinden. In den USA ist «Family Balancing» – welch Schönfärberei – bereits ein Millionengeschäft für eine reiche Kundschaft: 25 000 Dollar kostet eine einmalige Behandlung.

Werte lassen sich nicht durch Moral und Gesetz verordnen. Werte sind darauf angewiesen, dass sie im gesellschaftlichen Konsens gelebt werden. Und dass möglichst viele Menschen einsehen, dass es Wünsche gibt, die unsere Gesellschaft erkalten lassen. Wie geht man mit einem Wunschkind um, das sich nicht so entwickelt, wie man es sich gewünscht hat? – Dieser Frage müssen sich alle Eltern stellen, denn Kinder sind keine Projekte, sondern Individuen. Sie entwickeln sich nie nach Plan. Und wer bedingungslose Liebe predigt, muss sich von dem Kontrollwahn fernhalten.

Text: Thomas Binotto