Narrenschiff

Jubiläums-Vorglühen

Seit gefühlten zehn Jahren feiern wir nun Reformationsjubiläum. Auch Bruder Klaus ist abgefeiert, obwohl sein Gedenktag erst am kommenden Montag ist. Und gerade wird mir die Jubiläumsbroschüre vom Katholischen Frauenbund Zürich aufs Pult gelegt. Es eilt, denn 2019 wird 100. Geburtstag gefeiert.

Mein gesamtes Journalistenleben wurde ich nun von Jubiläum zu Jubiläum getrieben. Anfangs waren es die Hunderter, welche mir mit akuter Dringlichkeit ans Herz gelegt wurden. Dann kamen die Fünfziger hinzu, schliesslich die Zehner und alle Schnapszahlen. Je gefrässiger der Fortschritt seine eigenen Kinder eliminiert, desto enger wird der Jubiläumstakt. Man muss die Feste feiern, solange der Patient noch lebt.

Und weil wir an die Zukunft nicht mehr recht glauben mögen, feiern wir immer extensiver die Vergangenheit. Die Schlacht bei Morgarten soll mir 700 Jahre nach der Legendenbildung mit dringlichem Hellebardengeklapper mächtig einfahren. Namen, die niemand mehr richtig buchstabieren kann, werden als Propheten der Zukunft gefeiert. Wir ziehen dauerjubilierend durchs Museum, als sei hier die hippste Partymeile der Gegenwart aufgebaut.

Weil aber im Museum inzwischen gar viele Erinnerungsstücke stehen, buhlen die Exponate immer hektischer um unsere Aufmerksamkeit. Jubiläums-Vorglühen nennt man das als Partygänger. Wenn das Marvel Cinematic Universe bereits im Jahre 2020 angekommen ist und wir gerade für James Bond 2019 heiss gemacht werden, dann kann es auch für Jubiläen kein Halten mehr geben.

Journalisten spielen dabei willig mit, denn keiner will der Letzte sein, der sein Jubiläumsfeuerwerk zündet. Und das wird garantiert jener Schlaffi sein, der bis zum Jubiläumstag wartet. – Ich allerdings bin ein Schlaffi und dazu schon ganz sturm im Kopf. Wann haben nochmals die 500 Jahre Reformation begonnen, die ich dauerfeiere. Und was genau ist damals geschehen?

Ich werde es wohl noch vor meiner Pensionierung – die ich natürlich vorfeiere, damit ich sie nicht verpasse –
erleben, dass eine Pressemappe aus der Cloud auf mich herniederkommt, die nicht nur die Gründung eines neuen Jahrhundertwerks anpreist, sondern gleich auch noch zu dessen diversen Jubiläumsfeiern bis zum Ableben einlädt und den Gedenkfeiern darüber hinaus. Vielleicht darf ich es sogar noch erleben, dass Sportanlässe nicht mehr live und schon gar nicht aufgezeichnet, sondern vorgezeichnet übertragen werden.

Keine Angst, lieber Frauenbund, wir werden euer Jubiläum gebührend und würdig feiern. Aber ihr müsst euch bis 2019 gedulden. Vorher muss ich noch all die Jubiläen von 2018 verdauen, die bereits hinter mir liegen.

Text: Thomas Binotto