Stolpersteine

«Wandlung»

Im ökumenischen Dialog erscheint «Wandlung» als gewaltiges Bergmassiv. Nur wer das Begriffsverständnis öffnet, kann diesen Stolperbrocken überwinden.

Ein provozierendes Gedicht von Kurt Marti bringt den Stolperstein «Wandlung» auf den Punkt: «Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Kirche. Sie werden dir antworten: die Messe. Frag hundert Katholiken, was das Wichtigste ist in der Messe. Sie werden dir antworten: die Wandlung. Sag hundert Katholiken, dass das Wichtigste in der Kirche die Wandlung ist. Sie werden empört sein und sagen: Nein, es soll alles so bleiben, wie es ist!»

Solange die Wandlung innerhalb der Eucharistiefeier ein von der Lebenswelt der Menschen isoliertes Geschehen bleibt, bleibt sie wie von Marti beschrieben für die meisten ein wirkungsloses Ritual.

Eigentlich wollte Jesus mit seiner Aufforderung «Tut dies zu meinem Gedächtnis» aber doch, dass wir mit dem Brot und dem Wein ihn selbst einverleiben, dass wir selbst zum Leib Christi werden und mit Herzblut sein Werk fortführen. Die Wandlung möchte nach diesem Verständnis nicht nur Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln, sondern vielmehr uns selbst!

Als Glieder des Leibes Christi, wie es Paulus unter anderem im 1. Korinther 12 so treffend ausdrückt, sind wir mit unseren je eigenen Fähigkeiten und Talenten hinausgerufen in diese Welt. Dort finden wir auch heute unzählige Menschen, die kaum mehr von ihren Sünden erlöst, jedoch getröstet und befreit werden wollen in und von ihren vielfältigen Abhängigkeiten und Verstrickungen, ihrer Zukunftsangst, ihren Beziehungsproblemen, ihrer Einsamkeit und etlichem mehr.

Menschen, die sich durch die eucharistische Wandlung verwandeln lassen, haben wie Jesus keine Berührungsängste mehr. Sie spüren, wo jemand Hilfe braucht, kennen aber auch die Grenzen ihrer Nächstenliebe: Sie wissen, dass sie andere nur so lieben können, wie sie sich selbst lieben. Nur wer selbst das «Leben in Fülle» (Johannes 10,10 – er meint damit keineswegs ein Leben in Völle!) immer wieder geniessen darf, lässt andere gerne daran teilhaben. Wie wandelbar und flexibel müsste die katholische Kirche doch eigentlich sein bei so vielen «Wandlungen» tagtäglich…?

Das Verständnis der Wandlung ist – wie die des Amtes – im ökumenischen Dialog nicht nur ein Stolperstein, sondern wohl eher ein riesiger Berg wie der Gotthard. Wer nur dogmatisch argumentiert, hält diesen für unüberwindbar. Könnte diese doppeldeutige Sichtweise von Wandlung ein Basistunnel für den ökumenischen Dialog sein?

Text: Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus