Interview

Die Zukunft ist manchmal weit weg

Wie verändern neue Technologien unser Leben? 21 Jahre hat Sergio Bellucci als Direktor von TA-SWISS für Parlament und Bundes- rat Entscheidungshilfen verantwortet.

Sie übernahmen die Leitung von TA-SWISS 1996. Erinnern Sie sich an die erste Studie, die Sie in Auftrag gaben?

Sergio Bellucci: Meine erste grössere Amtshandlung war keine spezifische Studie, sondern die Einführung von partizipativen Verfahren. Mit unseren Expertenberichten konnten wir zwar die Politik bezüglich der Folgen neuer Technologien beraten, aber ich fand wichtig, auch die Meinung von Bürgerinnen und Bürgern zu einem frühen Zeitpunkt miteinzubeziehen. Besonders die Skandinavier taten das damals bereits. Und auch wir begannen, in der ganzen Schweiz zufällig Menschen auszuwählen und zu Diskussionsforen einzuladen.

Also ist die TA-SWISS-Methode eine Mischung aus interdisziplinärem Expertenbericht und
Meinungsumfrage?

Nicht ganz. Der Schwerpunkt liegt auf Expertenberichten, welche neue Technologien nicht nur bezügliche ihrer technischen, sondern auch ihrer juristischen, ethischen, sozialen oder ökonomischen Auswirkungen untersuchen.
Das Problem ist einfach, dass es sehr aufwendig ist, wenn wir Bürgerinnen und Bürger befragen. Zu Beginn führten wir achttägige Publiforen durch. Heute arbeiten wir mit halbtägigen Fokusgruppen.

Und wie wählen Sie den Fokus aus, den Sie mit einer Studie setzen?

Das geschieht im Team. Wir haben wissenschaftliche Mitarbeiter, welche die Entwicklungen in den Bereichen Biotechnologie und Medizin, Informationstechnologien, Mobilität, Energie und Nanotechnologie im Auge behalten. 

Sie studieren Fachzeitschriften und Qualitätsmedien und versuchen frühzeitig Technologien zu erkennen, welche kontrovers diskutiert werden könnten. Zudem muss das Thema die ganze Bevölkerung betreffen und wir schauen auch auf die politische Agenda.

Inwiefern?

Unsere Hauptzielgruppe ist die Politik, wir präsentieren unsere Studien beispielweise in den parlamentarischen Kommissionen. Also versuchen wir abzuschätzen, welche Themen politisch interessant werden, wo es eventuell Gesetzesanpassungen braucht. Medieninteresse ist da nebensächlich. Dann formulieren wir Forschungsfragen und stellen unserem Leitungsausschuss einen Antrag. Wenn dieser mit dem Projekt einverstanden ist, schreiben wir die Studie aus und holen Offerten ein.

Die letzte dieser Studien hat Aufsehen erregt, weil sie die Auswirkung der Digitalisierung auf die Medien behandelte. Ist die Digitalisierung der bedeutendste Techniktrend Ihrer Amtszeit?

Ja, absolut. Denken sie nur an das elektronische Patientendossier. Zudem wollten Ende 90er-Jahre die SBB bereits Daten ihrer Reisenden mittels Kreditkarten sammeln. Da führten wir eine Studie zum «gläsernen Kunden» durch. Daten sind auch wichtig für die personalisierte Medizin. Und in unserer jüngsten Studie schauen wir das «Quantified Self» an, wo die Datensammlung ebenfalls zentral ist.
Überall werden Daten gesammelt, aber die Frage der Datensicherheit ist überhaupt nicht gelöst. Wenn Daten mal kopiert sind, weiss man nicht, wer was damit macht.

Trotz dieser Risiken steht TA-SWISS neuen Technologien grundsätzlich positiv gegenüber. Hat sich das in den letzten 20 Jahren verändert?

Nein, Technologien sollten ja unser Leben verbessern und vereinfachen, aber es gibt auch Probleme. Die Leute stehen neuen Entwicklungen zumeist positiv gegenüber, wenn sie einen Nutzen sehen und wenn sie transparent informiert sind, sonst akzeptieren sie die Technologie nicht. 
Der Auftrag der TA-SWISS ist nun aber nicht, die Akzeptanz zu erhöhen. Wir müssen vielmehr anschauen, ob Akzeptanz vorhanden ist und warum. Oder warum eben nicht. Was sind die Argumente? Was fehlt?

Könnte die Arbeit, welche die TA-SWISS mit Bundesgeldern macht, auch von anderen geleistet werden?
Ja, klar, aber Unabhängigkeit und Transparenz sind wichtig. Das beginnt bei uns im Leitungsausschuss, der anschaut, ob die Fragestellung ausgewogen und breit genug ist. Da sitzen Leute aus der Wissenschaft, der Politik, dem Konsumentenschutz oder den Gewerkschaften. Und wenn die Studie läuft, arbeiten wir mit Begleitgruppen. Sie gewährleisten, dass die Studie im Rahmen des Auftrags ausgewogen durchgeführt wird. Die Glaubwürdigkeit ist zentral.

Es soll eine Boulevardisierung der Politik stattgefunden haben. Merken Sie das auch in ihrer Arbeit?

Nicht entscheidend. Wir arbeiten in erster Linie für die Wissenschafts-, Energie-, Gesundheits- und Telekommunikationskommissionen im National- und Ständerat. Natürlich hat jede Partei ihre Interessen und Präferenzen und gewisse Parteien akzeptieren uns eher als andere. Das ist aber verständlich. Wenn wir kontroverse Themen behandeln sollen, können wir es nicht allen recht machen. Aber grundsätzlich vertraut die Schweizer Politik der Wissenschaft.

Sie schuf ja auch die TA-SWISS. War das Chemieunglück in Schweizerhalle ein Auslöser?

Ja, ich war zu dieser Zeit bei der Ciba-Geigy und kann mich noch gut erinnern. Damals begann man zu merken, dass doch nicht alles so sicher war, wie immer gesagt wurde. Insbesondere der Politik fehlten von keinen Interessegruppen beeinflusste Wissensgrundlagen. Nationalrat René Longet reichte im Jahr 1982 ein Postulat ein, das die Schaffung einer TA anregte. 
Es dauerte aber zehn Jahre, bis Bundesrat und Parlament den Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierat damit beauftragten, eine solche Institution aufzubauen. Die USA, wo man auf die Reaktorkatastrophe auf Three Mile Island von 1979 reagierte, waren früher dran. Heute haben praktisch alle westeuropäischen Länder eine TA-Institution.

Wie sehen Sie die Wichtigkeit dieser Institutionen heute? Wir können ja übers Internet bequem und schnell auf sehr viele Informationen zugreifen.

In der Schweiz ist so eine Stelle wichtig. Wir stimmen in unserer direkten Demokratie sehr viel ab. Gerade bei technischen Aspekten bin ich häufig überfordert bei der Meinungsbildung. So geht es übrigens auch den Parlamentariern. 
Klar kann man googeln, aber wir kennen den Suchalgorithmus von Google ja auch nicht genau. Man ist zwar schon schneller informiert. Aber woher die Infos kommen, ist nicht immer gleich klar. Eine Stelle wie TA-SWISS kann da Glaubwürdigkeit bieten.

Welche Themen werden Ihrer Meinung nach in nächster Zeit wichtig sein?

Die Digitalisierung wird in weitere Lebensbereiche vordringen. Unsere Mobilität wird sich ändern. Es gibt immer mehr Leute, die sich fortbewegen wollen, wir haben Staus. Mit 5G wird Datenübertragung in Echtzeit möglich. Autos werden immer mehr Daten erfassen und austauschen. Auch ob die selbstfahrenden Autos akzeptiert werden, ist nicht klar. Und wenn sich die Mobilität verändert: Wo werden wir leben? Auf dem Land, in der Stadt?

Welche Änderungen erwarten Sie in der Medizin?

Eine der ersten Studien, die ich begleitete, betraf die Xenotransplantation. Man dachte, man könnte Organe von Schweinen auf den Menschen übertragen. Doch das funktionierte nicht. Heute mit der Gen-Editierung heisst es wieder: Wir können das bald schaffen. Aber der Wandel kommt nicht immer so schnell, wie man denkt. Man muss immer aufpassen mit grossen Versprechungen. Die Industrie hat auch ihre 
eigenen Interessen.

Wie können wir uns über diese Veränderungen informieren?

Schauen Sie sich die aktuellsten Studien auf der Website der TA-SWISS an! Spass beiseite: Über Qualitätsmedien wie NZZ, FAZ, New York Times und über Fachzeitschriften. Es gibt auch gute TV-Sendungen. Aber es braucht halt auch Interesse. Nicht alle Leute wollen sich am Feierabend über technologische Neuerungen informieren. Viele sehen lieber einen Fussballmatch, trinken ein Bierchen, grillieren. Das muss man auch berücksichtigen.

 


Aktuelle Projekte von TA-SWISS

Social Freezing – auch Eigen-Eizellenspende genannt – ermöglicht Frauen dank der Konservierung von Eizellen, ihren Kinderwunsch auch noch im höheren Alter zu verwirklichen.

Genome Editing kann Gensequenzen gezielt verändern, entfernen oder neue Bausteine präzise ins Erbgut einbringen. Bei Pflanzen gibt es erste Anwendungen und offene Fragen zur Regulierung. In der Medizin gelangen Vorhaben, die bisher kaum praxistauglich waren, wie die somatische Gentherapie oder die Xenotransplantation, in den Bereich des Möglichen.

Self-Tracking ist im Lifestyle-Bereich weit verbreitet.  Der eigene Körper wird zur Datenquelle. Doch der Umgang mit gesundheitsrelevanten Daten ist heikel und sollte hohen Anforderungen des Datenschutzes genügen.

Drohnen wurden ursprünglich von der Armee zu Kampf- oder Überwachungszwecken eingesetzt. Mittlerweile werden sie auch im Zivilen verwendet: Kartografie, Überwachung von Industrieanlagen und zivilen Bauten, Freizeit, Veranstaltungen, Landwirtschaft und humanitäre Hilfe sind heute ebenso wichtige Einsatzgebiete.

Sharing Economy, also teilen statt besitzen, ausprobieren, sparen, tauschen, ressourcenschonende Lösungen finden. Doch darüber, wie es mit den reellen Potenzialen und Risiken der Sharing Economy wirklich steht, ist noch wenig bekannt. 

Blockchain-Technologie hat die Entwicklung des Bitcoin und anderer Kryptowährungen ermöglicht. Die Blockchains dürften in absehbarer Zeit Dienstleistungen in den Bereichen des E-Government und der elektronischen Stimmabgabe ermöglichen.

Weitere Informationen zu diesen und bereits abgeschlossenen Projekten unter www.ta-swiss.ch

Text: Pascal Sigg, freier Journalist

Angebot laufend

Der 67-jährige Sergio Bellucci ist promovierter Ingenieur Agronom (ETH). Vor seinem Engagement bei TA-SWISS war er für die Agro-Division von Ciba-Geigy tätig und leitete das Zentrum für Weiterbildung der ETH Zürich.

FOTO: CHRISTOPH WIDER, FORUM

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Die TA-SWISS (Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung) analysiert die möglichen Folgen neuer Technologien aus gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, ökologischen, ethischen, rechtlichen und politischen Gesichtspunkten. Ihre Studien sind die Grundlage für die Schaffung neuer Gesetze im Umgang mit diesen Technologien.