Editorial

Ist Demokratie in der Krise?

Keine Rentenreform und Sozialhilfestopp für vorläufig aufgenommene Flüchtlinge. Die rechtsnationale AfD im deutschen Bundestag. – Demokratische Entscheide können Angst machen und neue Konflikte auslösen. Ist deshalb die Demokratie in der Krise?

Nein, denn eine Demokratie ist ja gerade das Instrument, um verschiedene politische Kräfte einzubinden. Deutschland muss nicht befürchten, wie ein Alkoholiker, der nach langer Zeit der Abstinenz wieder trinkt, in die Nazizeit zurückzufallen. 13 Prozent der Wählerinnen und Wähler schicken eine rechtsnationale Partei in den Bundestag, deren Rhetorik durchaus zu Befürchtungen berechtigt. Aber 87 Prozent wünschen sich eine andere Politik. Wie andere Länder wird auch Deutschland Wege finden, im Parlament mit diesem Pluralismus umzugehen.

Und doch ist die Demokratie auch in Gefahr: Wenn Einzelne, aber auch Institutionen und Unternehmen nach der Devise leben: «Alles, was mir nützt, ist auch gut.» Wenn mit Schlagwörtern wie «Liberalismus» und «Individualismus» eine Abkehr vom Rechtsstaat kaschiert wird. Wenn sich eine Minderheit als Mass aller Dinge sieht.

Eine junge, im Jugendparlament engagierte Frau sagte mir kürzlich: «Demokratische Entscheide sind oft mühsam. Politik ist oft langweilig. Aber eine Demokratie ist einfach ein Geschenk. Wenn wir das Geschenk aber nicht auspacken – was dann?» Demokratie braucht Engagement. Demokratie braucht Menschen, die nicht nur für sich selber, sondern für das gemeinsame Ganze arbeiten. 

Auf die Frage, warum sie sich engagiere, antwortete meine junge Freundin: «Weil ich an Gott glaube und möchte, dass die Welt ein besserer Ort wird. Es kommt nicht drauf an, ob es ein kleines bisschen besser oder viel besser wird, aber die Welt sollte besser sein, weil ich gelebt habe.»

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer