Narrenschiff

Katholischer Schlendrian

Für heute will ich mal behaupten, die katholische Kirche sei ein Hort der Freiheit. Jedenfalls erscheint es mir so, wenn ich in die befreite Welt schaue.

In dieser Welt muss man nämlich unglaublich viel. Vor allem muss man Sport machen. Also nicht einfach bewegen, spazieren, körperlich arbeiten. Auch nicht bloss Treppe steigen statt Lift fahren und Velo statt Auto. Man muss es mit Disziplin angehen. Und deshalb muss man richtigen Sport machen. Einen, der auch der Sportindustrie etwas bringt.

Dann muss man sich gesund ernähren. Also nicht einfach massvoll geniessen oder darauf achten, dass man mehrere Jahre in dieselbe Hose passt. Wer sich wahrhaftig gesund ernährt, der macht mit der Askese ernst und das ganze Jahr zur Fastenzeit.

Schliesslich muss man ein Hobby haben. Das darf unter keinen Umständen mit dem Beruf zu tun haben. Weil die Work-lLife-Balance nur dann funktioniert, wenn man bei der Arbeit leidet und sich in der Freizeit davon erholt.

Vor dem Bildschirm rumlümmeln ist allerdings verboten, denn das Hobby muss schon sinnvoll sein, uns bilden und weiterbringen. Gestaltete Freizeit, heisst das. Und dafür muss man sich gefälligst anstrengen.

Wir müssen beängstigend viel in dieser freien Welt. Das meiste davon müssen wir auch noch nach strengen Regeln und unter stetigem Erfolgsdruck.

Dagegen fühle ich mich in der katholischen Kirche wie im Himmel für Müssiggänger und Schlendriane. Da geht fast ein jeder und eine jede den eigenen Weg zur Seligkeit. Regeln gibt es zwar jede Menge. Sind nice-to-have. Aber sich daran zu halten, das bleibt mehr oder weniger Privatsache. 

Wo es eine katholische Regel gibt, da gibt es auch garantiert ein katholisches Schlupfloch. Und selbst die strengsten Bischöfe werden weich, wenn ihr geschiedener und wiederverheirateter Freund vor ihnen steht.

Ich weiss, so etwas nennt die befreite Welt Doppelmoral. Und sie hat natürlich, wie mit dem Sport, der Ernährung und dem Hobby, recht. Grundsätzlich. Aber ich in meinem katholischen Schlendrian sehe darin auch etwas von der Weite dieser Kirche. Sie kriegt es mit der Konsequenz einfach nie wirklich gebacken. Und sie ist schlicht zu alt, zu gross, zu komplex und zu vielgestaltig, so dass jeder Versuch, in ihr mal richtig Ordnung zu machen, zwangsläufig scheitern muss.

Das ärgert zwar alle jene, die vom richtigen Katholisch-Sein eine richtig klare Vorstellung haben und es damit richtig ernst meinen. Für mich dagegen entsteht ein Freiraum, in dem ich nicht katholisch sein muss, sondern katholisch sein darf.

Text: Thomas Binotto