Filmpreis für «Blue My Mind»

Blau ist meine Seele

Lisa Brühlmann gewinnt den Preis der Kirchen am «Zurich Film Festival». Welchen Bezug hat das Teenagerporträt zu christlichen Werten? - Eine Würdigung durch den Jurypräsidenten Charles Martig.

Es ist schwer zu ertragen, wie weit die Regisseurin ihre Hauptfigur treibt. Nach einem Umzug in die Agglo von Zürich fühlt sich die 15-jährige Mia (Luna Wedler) vollständig fremd. Sowohl zuhause bei den Eltern als auch in der Schule wirkt sie verzweifelt. Bei ihr setzt die Periode ein und ihr Körper beginnt sich auf geheimnisvolle Weise zu verändern. Mia ist orientierungslos. Sie verdächtigt ihre Eltern, sie adoptiert und ihr dies verheimlicht zu haben. In der Schule begegnet sie Gianna (Zoë Pastelle Holthuizen) und ihrer «Gang». Mit der Freundschaft zu diesen «Gang Bitches» und ihren «Jugos» beginnen der Abstieg in eine Hölle der Gefühle und eine monströse Verwandlung.

Trailer zu «Blue My Mind»

 

Wer nur diese drastische Darstellung des Jugend-Dramas sieht, verpasst den wichtigsten Teil des Films. «Ich entdeckte im Rückblick, dass mein Film christliche Werte verhandelt», erklärt Regisseurin Lisa Brühlmann. Es gehe um Konflikte und Vergebung, den Leidensweg und die Liebe, die trotz allem trägt. «Viele Filme sind von der Bibel inspiriert, weil sie grossartige Geschichten erzählt.»

Die 1981 geborene Zürcherin zeigt im Film konsequent, dass es weder die Eltern noch die Lehrer sind, die die Jugendlichen aus ihrer Verlorenheit hinausführen können. Die Erwachsenen sind viel zu weit weg von der Lebenswelt der Teenager. Mehr als deutlich werden Exzesse in der Jugendszene gezeigt: Partys, Alkohol, Sex führen zu Euphorie und Absturz.  Auch hier gibt es eine Verbindung zu Religion, die mit dem Exzess eng verbunden ist: Sei es in der grenzüberschreitenden Feier oder in der radikalen Askese. Die Kirchen müssen sich heute fragen, wieso Jugendliche ihre Grenzerfahrungen in Shopping, Drogen und Alkohol suchen – den säkularen Mitteln der Konsumgesellschaft. Und wieso die Kirchen in der Frage der Wandlung zum erwachsenen Menschen wenig zu bieten haben. «Blue My Mind» kann also auch zum Lernfeld für die Kirchen werden. 

An der Preisverleihung wurden selbstverständlich auch Ausschnitte aus dem preisgekrönten Film gezeigt.

An der Preisverleihung wurden selbstverständlich auch Ausschnitte aus dem preisgekrönten Film gezeigt. Foto: Manuela Matt-Merk

Filmstill aus «Blue My Mind»

Filmstill aus «Blue My Mind» Foto: Frenetic, zvg

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Darüber hinaus gibt es im Film eine erlösende Perspektive – dies ist aus kirchlicher Sicht der zentrale Punkt. Es ist ausgerechnet ihre Freundin Gianna, die durch alle Widrigkeiten hindurch solidarisch bleibt und Mia zum Aufbruch in eine neue Welt verhilft. Mia wird vom Monster zur Meerjungfrau, zu einer mit sich selbst versöhnten Bewohnerin ihres neuen Elements. Der neue Horizont bedeutet einen Aufbruch in ein neues Leben mit ungeahnten Möglichkeiten.

Der grosse Gewinn für die Zuschauerinnen und Zuschauer ist ein Perspektivenwechsel. Eltern können in die Lebenswelt von Teenagern eintauchen. Dies schafft Verständnis für den «verflüssigten Zustand» der Jugendlichen. Für junge Frauen erzählt diese poetische Metapher vom Leiden und von der befreienden Verwandlung.

«Blue My Mind» ist ein Juwel, das am ZFF entdeckt wurde. Der Film ist schmerzhaft und berührend. Die gute Nachricht dabei ist: Auch die «blaue Seele» sucht und findet ihr Heil.

Text: Charles Martig

Angebot laufend

«Blue My Mind»

Schweiz 2017
Regie: Lisa Brühlmann
Besetzung: Luna Wedler, Zoë Pastelle Holthuizen, Regula
Grauwiller…

Verleih: Frenetic, www.frenetic.ch

Kinostart: 9. November