Impuls zu «Allerheiligen»

Heilig – nicht ohne dich!

Das Beispiel von Niklaus von Flüe zeigt: Keiner wird für sich allein heilig. - Und auch das gehört zum Fest «Allerheiligen».

Auffallend bei den Biografien von Heiligen ist, dass ihr Lebensweg kaum je geradlinig verläuft. Der Lebenslauf dieser Männer und Frauen ist von Umwegen, Abstürzen, Zweifeln und Stolpersteinen gekennzeichnet. Niklaus von Flüe ging es nicht anders. 

Sein Gebet basiert auf existenzieller Erfahrung: «Nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.» Dass damit auch seine Familie gemeint sein könnte, hatte Bruder Klaus nicht erwartet.

Heiligkeit meint ein Leben im Einklang mit Gott: «Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.» Es geht dabei nicht nur darum, unser Leben vorbehaltlos Gott zur Verfügung zu stellen und uns für sein Reich einzusetzen, sondern umgekehrt Gott die Möglichkeit zu geben, das Beste aus unserem Leben zu machen und so zu unserer eigentlichen Berufung zu finden. 

Was wir dabei zu wenig beachten: Dieser Ruf in die Nachfolge von Jesus ist persönlich und gemeinschaftlich zugleich. Die Berufung von Niklaus von Flüe zum Bruder Klaus ist aufs Engste verknüpft mit jener seiner Frau Dorothee Wyss. Sie ist ca. 35-jährig, als ihr Mann in eine ungewisse Zukunft aufbricht und Familie und Hof verlässt. Das jüngste ihrer zehn Kinder ist noch in den Windeln, der älteste Sohn mit zwanzig bereits verheiratet. 

Niklaus verlässt seine Familie, aber er lässt sie nicht im Stich. Die wirtschaftliche Grundlage ist mit dem eigenen Hof und der Tatkraft der älteren Kinder gesichert. So wie Bruder Klaus erst nach längerem Ringen seine Berufung gefunden hat, so hat auch Dorothee nicht ohne Zweifel und schmerzhafte Gespräche mit ihrem Mann ihre Berufung verstanden. 

Seine Berufung ist nicht ohne ihre Berufung zu verstehen. Denn gegen den Willen seiner Frau wäre Niklaus nie ausgezogen. Ohne ihre Berufung hätte Niklaus seiner Berufung nicht folgen können.

Die Berufung des Niklaus mag die spektakulärere sein. Doch jene von Dorothee ist nicht weniger «heilig». Vor allem aber: Die eine Berufung ist nicht ohne die andere zu verstehen. 

Die Knochenarbeit der Dorothee als Mutter, Bäuerin, Haushälterin, Managerin und Ansprechperson für zahlreiche Pilger ist nicht weniger grossartig als die Visionen und das Fasten von Bruder Klaus. 

Die eine Berufung ergänzt die andere. Keiner wird für sich allein heilig, sondern nur für die andern und mit den andern. Zudem zählt am Ende nur die Liebe, mit der wir unsere Berufung verwirklicht haben.

Text: Peter Dettwiler

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Peter Dettwiler ist reformierter Theologe, ehem. Ökumene-Beauftragter der Reformierten Landeskirche Zürich, Mitglied der Fokolar-Bewegung.