Stolpersteine

«Inspiration»

Sie geschieht. Man kann sie nicht machen – mit bestem Willen nicht. Günstig ist eine offene, wache Haltung, Aufmerksamkeit, Interesse. Denn Inspiration hat mit Begegnung zu tun, mit einem Gegenüber.

Dieses Gegenüber kann ein Text sein, ein Kunstwerk, ein Musikstück, die Natur, ein Mensch, Gott. Es kann sein, dass diese Begegnung in mir eine Resonanz auslöst, etwas in mir in Schwingung versetzt, sodass ich beschwingt weiter gehe. Es kann sein, dass das Gegenüber derart faszinierend, spannend, begeistert ist, dass die Begeisterung auf mich überspringt, ich entflammt werde, Feuer fange. 

Plötzlich sehe ich glasklar die Lösung für das Problem, an dem ich ewig herumgegrübelt habe. Plötzlich fühle ich mich voller Energie, bei meiner Arbeit neue Ideen umzusetzen. Plötzlich habe ich eine unbändige Lust, kreativ zu sein – malend, schreibend, kochend. Es ist, als wäre das Leben neu geweckt worden und wolle nun nach aussen strömen, Gestalt annehmen.

Inspiration kommt immer von aussen. Man kann sich inspirieren lassen, aber man kann sich nicht selbst inspirieren. Dazu gehört jedoch wesentlich, dass das, was uns inspiriert, nicht einfach kopiert wird. Es muss mit unserem Eigenen verbunden werden. Aus der Begegnung entsteht etwas Neues. Die Inspirationsquelle ist möglicherweise nach wie vor erkennbar, aber es ist doch etwas Eigenständiges geworden. Seinen Ursprung hat es nicht im «Aus-sen»; allerdings würde es ohne die Anregung von aussen nicht existieren.

So ist es auch mit unserer Heiligen Schrift. Sie ist nicht als fertiges Buch vom Himmel gefallen, sie kommt nicht von aussen. Aber sie existierte nicht, hätte Gottes Geist, Gottes Lebensatem (= Spiritus) nicht inspirierend eingewirkt auf offene Menschen, sie gleichsam beatmet. 

Durch diese Belebung waren sie fähig, Gottes Wort in Menschenwort zu fassen. Es entstand eine Formulierung, die für menschliche Ohren verständlich ist. Hätte Gottes Geist den Verfasserinnen und Verfassern der Bibel den Text diktiert, eingeflüstert, würden wir kein Wort verstehen – und dies unabhängig davon, dass die Sprache Gottes kaum Deutsch gewesen wäre. Dass es uns dennoch zuweilen Mühe bereitet, die Bibel zu verstehen, liegt auch daran, dass sie ein Gemeinschaftswerk ist. Gott arbeitete gleichsam mit verschiedenen Menschen zu unterschiedlichen Zeiten und in unterschiedlichen Kulturen zusammen. 

Grundsätzlich aber gilt: Wir können die inspirierten Texte der Bibel verstehen, weil wir durch Taufe und Firmung selbst inspiriert sind – vom gleichen Geist.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte