Morris Trachsler, Eishockeyprofi

Widerstand und Wachstum

Körperliche Leistungsgrenzen, Umgang mit Druck, das Funktionieren von Teams: Eishockeyprofi Morris Trachsler will jeden Tag vom Sport fürs Leben lernen.

Er hatte kurz daran gedacht, ganz aufzuhören. Nach zwei enttäuschenden Viertelfinal-Verlusten mit den ZSC Lions hatte er vom Stadtzürcher Topclub mit jährlichen Titelambitionen keinen neuen Vertrag erhalten. Mit 32 Jahren spürte er auch, dass er seinen Körper nicht nur härter trainieren, sondern auch sorgfältiger regenerieren musste. Zudem hatte er einen Masterabschluss in der Tasche und arbeitete bereits neben dem Eis. Verschiedene NLA-Klubs hatten Interesse am Defensivcenter mit über 100 Länderspielen gezeigt. Doch Morris Trachsler entschied sich fürs Abenteuer beim Vorstadtclub Kloten, der eben dem Konkurs entgangen war. Dessen Präsident machte kein Geheimnis daraus, wie er den Verein gesunden wollte: Indem er die Spielergehälter massiv senken würde.

Morris Trachsler: «Ich werde unter Druck manchmal wütend und ungeduldig, doch ich habe immer besser gelernt, meine Energie in Dinge zu stecken, die ich kontrollieren kann.»

Morris Trachsler: «Ich werde unter Druck manchmal wütend und ungeduldig, doch ich habe immer besser gelernt, meine Energie in Dinge zu stecken, die ich kontrollieren kann.» Foto: Christoph Wider, forum

Morris Trachsler gibt alles, auch wenn es seinem Klub nicht wie gewünscht läuft. Hier am 29. September im Spiel gegen Lausanne HC.

Morris Trachsler gibt alles, auch wenn es seinem Klub nicht wie gewünscht läuft. Hier am 29. September im Spiel gegen Lausanne HC. Foto: keystone, Patrick B. Krämer

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«Ich bin privilegiert», sagt Trachsler, während er im Klotener Schluefweg-Restaurant aufs vergünstigte Mittagsmenü wartet. Doch damit spricht er nicht zuerst auf seinen Lohn, sondern die aufrichtige Intensität seines Berufs an. «Man verfolgt ein gemeinsames Ziel, muss zusammenarbeiten und erhält sehr schnell ehrliche Antworten.» Im Fall seines neuen Teams waren diese Antworten bisher hart: Kloten startete mit sechs Niederlagen in die Saison. Doch für Trachsler kann dieser schlechte Start auch eine Chance sein. Eine Chance für sein Team, an diesen Rückschlägen zu wachsen. So wie er als Spieler gewachsen ist.

Im Eishockey hat er nicht nur gelernt, andere Menschen besser zu verstehen: Wie sie mit Widerständen umgehen, wie sie in Gruppen funktionieren. Er hat auch ganz besonders sich selbst kennengelernt. «Ich werde unter Druck manchmal wütend und ungeduldig, doch ich habe immer besser gelernt, meine Energie in Dinge zu stecken, die ich kontrollieren kann.» Wie in seinen Körper, den er über die Jahre so gut kennengelernt hat wie seine Gedanken. 

Er hat gelernt, dass er diese Dinge nicht trennen kann. Wenn er vor einem Spiel fühlt, dass seine Beine müde sind, nimmt er sich vor, auf dem Eis weniger Risiko einzugehen. Wenn er sich stark fühlt, versucht er ein bisschen mehr. Doch auch bei der Spielvorbereitung gibt es keine Erfolgsformel: «In jedem Spiel kann alles passieren.»

Morris Trachsler, so scheint es, hat als Spitzensportler nicht zuerst gelernt, Hindernisse zu überwinden, einfach besser zu sein als andere. Eher hat er gelernt, den Widerstand zu schätzen, weil er ohnehin nie verschwindet. Er sagt: «Als Profi-Sportler muss ich jeden Tag lernen wollen, die Konkurrenz sowohl im Team als auch beim Gegner bleibt nie stehen.» 

Dabei hat er erfahren, dass doch gerade die Lust daran, das Schwierige aufzusuchen, ihm hilft, besser zu sein. «Im Vergleich zu meinen Studienkollegen hatte ich kaum Probleme mit Prüfungssituationen», sagt der Volkswirt, der in Genf studierte und mit 21 bloss mit «Maturfranzösisch» angereist war.

Doch wie das Studium wird auch Trachslers Privileg, als gut bezahlter Sportler täglich lernen zu können, irgendwann enden. Der neue Vertrag in Kloten läuft über zwei Saisons. Vielleicht ist es sein letzter als Profi. Dank seiner Teilzeitanstellung bei einem Beratungsunternehmen für Pensionskassen ist er mit der Arbeitswelt und ihren langsameren Zyklen bereits vertraut. Und doch zeigt er Respekt davor. 

Freunde erzählen ihm, dass Sportteams nicht mit Unternehmen vergleichbar seien, dass jeder eine ganz eigene Motivation mitbringe und nicht der gemeinsame Erfolg das oberste Ziel sei. Deshalb will er seine Zeit als Hockeyprofi auskosten und nicht nur die täglichen Spässe in der Garderobe geniessen. Sondern auch das bewusste Aufbauen der Anspannung am Spieltag, wenn sich das Team zum gemeinsamen Essen trifft und dem Widerstand Schritt für Schritt gemeinsam entgegentritt. Dieses Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, wird er nach seiner Karriere woanders suchen müssen.

Dabei wird ihm bestimmt helfen, dass er das Schwierige zu schätzen gelernt hat. Vielleicht wird ihm auch helfen, dass er gerne liest. Nicht zuerst, weil er dabei wertvolle Ratschläge kriegen könnte. Sondern weil er seinen Durchhaltewillen trainiert, indem er sich weigert, angefangene Bücher wegzulegen. Mit Hemingways «Wem die Stunde schlägt» habe er besonders gekämpft. «Aber am Schluss war ich froh, dass ich das Buch nicht weggelegt hatte.»

Text: Pascal Sigg, freier Journalist

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