Mail aus Abu Dhabi

Arrangierte Liebe

In Westeuropa ein Anachronismus – in Arabien und Indien gängige Praxis: Arrangierte Ehen. Ein Kulturschock für «unseren» Mann in Abu Dhabi.

Vor einigen Jahren erzählte mir ein junger Inder von der bevorstehenden Hochzeit seines Cousins. Er freute sich sehr darauf, grosse Teile seiner weitverzweigten Familie zu diesem Fest in Kerala wiederzusehen. Und er war gespannt, wen denn seine Tante und sein Onkel da zur Braut für seinen Cousin erwählt hatten. – Wie bitte?

Ich schaute wie von allen guten Geistern verlassen. Eine arrangierte Ehe – im 21. Jahrhundert? Klar –
wo ist das Problem?

Was sich damals so exotisch ausnahm, ist hier in Arabien fester Bestandteil meiner Erfahrungen geworden. Der Trend unter den Twens geht vielleicht davon weg, aber Eheleute meines Alters führen nahezu ausnahmslos arrangierte Ehen: 

Die Eltern von Braut und Bräutigam haben geschaut, wer da zueinander passt. Oftmals unter Wahrnehmung ganz eigener Interessen. Und weil zumindest am Anfang die jungen Eheleute oft im Hause seiner Eltern wohnen, ist jeder Braut bewusst, dass sie nicht nur ihren Bräutigam heiratet, sondern die ganze Familie. Zuerst
natürlich die Schwiegermutter. 

Die oftmals vorprogrammierten Probleme haben einen festen Platz in unseren Ehevorbereitungskursen – und später dann in der Eheberatung.

Was sich aus europäischer Sicht so völlig unglaublich anhört, funktioniert an vielen Stellen der indischen Kultur durchaus. Auf Schwierigkeiten angesprochen antworten mir indische Gläubige immer wieder, dass auch die europäische Art von Ehe nicht so ganz problemlos ist. Was stimmen mag.

Doch überzeugt bin ich dennoch nicht: Mir sagt irgendwie das westliche Frauen- und Ehebild eher zu.

Text: Martin Stewen

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Martin Stewen (47) ist Priester der Diözese Chur und arbeitet seit 2015 im Apostolischen Vikariat Südarabien.