Stolpersteine

«Leib»

In Spitälern werden Menschen mit Angststörungen oder mit chronischen Schmerzen oft in der Abteilung «Psychosomatik» behandelt. Diese medizinische Bezeichnung geht auf die griechischen Begriffe soma und psyche als Bezeichnungen für Leib und Seele zurück.

Durch Platon gelangte der Leib-Seele-Dualismus als strikte Unterscheidung zwischen beiden Sphären in die christliche Theologie und hat sie stärker geprägt als das biblische Menschenbild, nach dem sich der Mensch aus den vier hebräischen Aspekten nefes (Atem), ruach (Geist), basar (Fleisch), leb (Herz) zusammensetzt.

Es gehört zu den fatalen Entwicklungen der christlichen Religionsgeschichte, dass sich Platons Dualismus im Sinne einer Überbietung des Leibes durch die Seele weiterentwickelt hat. Dadurch ist die Askese als Ideal des mittelalterlichen Mönchtums als Idealvorstellung auf das ganze Christentum ausgeweitet worden.

Die heutige Theologie meint mit Leib das Miteinander von Körper und Seele eines Menschen. Das Schöne daran ist, dass sie damit den Menschen ganzheitlicher in den Blick nimmt, als es eine rein biologische Definition von Körper kann. Der Mensch hat nach christlicher Vorstellung einen beseelten Körper, was auch die Vorstellung beinhaltet, dass am Ende des Lebens der ganze Leib zu Gott aufersteht und nicht etwa nur die Seele eines Menschen.

Viele Formen des heutigen Körperkults kommen mir, ganz anders als das christliche Menschenbild es meint, wie eine Art Sakralisierung des Körpers vor. Von der Schönheitschirurgie über Extremsportarten, Bodybuilding bis hin zu Bodypiercing nimmt der Körperkult quasi religiöse Züge an.

Darin zeigen sich Bedürfnisse, Hoffnungen und Ängste von Menschen, die in einem rein biologischen Verständnis oft genug auf der Strecke bleiben. Denn was geschieht, wenn der jahrelang sportlich trainierte Körper nicht mehr mitmacht? Oder wenn eine medizinische Diagnose den Tod in erschreckende Nähe rückt?

Marie-Jo Thiel, Ethikerin aus Strassburg, ist überzeugt, dass mit dem Einfluss der Technomedizin auch die Unerträglichkeit der Zerbrechlichkeit und Sterblichkeit des menschlichen Körpers zunimmt. Der Leib soll zu Lebzeiten immer mehr den Anforderungen einer «tadellosen Gesundheit» gerecht werden, sodass es den Anschein habe, als ob die medizinisch sehr gut ausgerüsteten Gesellschaften den Tod am liebsten abschaffen wollten.

Seine Sterblichkeit macht den Leib jedoch menschlich. Und der Mensch bleibt nun einmal sterblich.


Text: Christian Cebulj Professor für Religionspädagogik und Katechetik