Narrenschiff

System «Macht»

Der böse Wolf im Märchen von «Rotkäppchen» hat einen Namen. Er heisst Harvey Weinstein.

Einer der weltweit mächtigsten Filmproduzenten hat während Jahren Frauen sexuell ausgebeutet und unterdrückt. Immer mehr Schauspielerinnen werfen ihm Missbrauch vor. Die Empörung darüber ist berechtigt. Sie ist aber nur glaubwürdig, wenn sie zu nachhaltigen Veränderungen führt.

All jene – und damit sind selbstverständlich nicht die Opfer gemeint –, die nun behaupten, «sie hätten es schon lange gewusst», überführen sich selbst der Scheinheiligkeit. Weshalb haben sie nicht früher aufgeschrien und sich aus der Komfortzone gewagt? Weshalb haben sie nichts riskiert, um weitere Opfer zu verhindern? Weshalb entdecken sie die Zivilcourage erst jetzt, wo es dafür keinen Mut mehr braucht?

Es steht zu befürchten, dass der «Fall Weinstein» genauso ablaufen wird wie oft in der Politik, in der Wirtschaft und auch in der Kirche: Sobald die grosse Empörung sich erschöpft hat, geht man zur alten Tagesordnung über. Bis der nächste Skandal publik wird und Aufklärung wieder angesagt ist.

Tatsächlich macht der «Fall Weinstein» ein System sichtbar. Es geht darin allerdings nicht ausschliesslich um den Missbrauch und die Unterdrückung von Frauen. Es geht um die Wirkung von Macht- und Erfolgsgier, die den Mächtigen glauben lässt, für ihn gelten eigene Regeln.

Er hebt in seiner Machtbesessenheit die Gewaltentrennung auf und fühlt sich als Alleinherrscher, als Gesetzgeber und Richter zugleich. Und er korrumpiert andere, weil er ihren Drang nach Erfolg nutzt und Teilhabe an der Macht verspricht. Damit schafft er sich Komplizen, die nicht selten gleichzeitig seine Opfer sind.

Wer sich jedoch selbst über alle anderen erhaben fühlt, der macht sich zum Götzen. Er glaubt an sich selbst und verhält sich in seiner Selbstherrlichkeit zwangsläufig menschenverachtend.

Die wichtigste Waffe gegen diesen Machtmissbrauch ist die Verweigerung. Unser «Nein», wenn uns Teilhabe versprochen wird. Unser «Nein», wenn Selbstverleugnung als Preis für den Erfolg gefordert wird. Unser «Nein» selbst dann, wenn uns gedroht wird. Der Preis für dieses «Nein» ist allerdings hoch. Es kann Karrieren kosten. Es verhindert Erfolge. Es ist eine Absage an Reichtum und Prestige. Wer sich von der Macht nicht verführen lässt, der wählt die Machtlosigkeit.

Das Märchen von Rotkäppchen zeigt beides: Der böse Wolf darf kein Pardon kriegen. Er muss erlegt werden. Und das Rotkäppchen soll sich vom Wolf fernhalten, muss sich ihm verweigern, darf ihm keine Macht geben. Dabei hat es – auch in dieser Hinsicht ist das Märchen hellsichtig – die Unterstützung seiner Mutter.

Text: Thomas Binotto