Thema «Rock 'n' Roll» - Interview

Eigentlich habe ich diesen Song gehasst

Gleich wird Joachim Schwander an der Orgel loslegen, dass es nur so kracht. Das ist zwar nur meine Fantasie, aber wundern würde es mich nicht, wenn sie Realität würde. Der Kirchenmusiker in der Pfarrei St. Georg Küsnacht vibriert vor Energie.

Und dann nimmt sich Joachim Schwander doch viel Zeit. Nicht nur für das Gespräch mit mir, sondern auch für das Nachdenken über Musik und ihre Wirkung. Ich kann mir gut vorstellen, dass in ihm sowohl gregorianischer Choral wie Heavy Metal steckt.

forum: Was hat für Sie gregorianischer Choral mit Heavy Metal zu tun?

Joachim Schwander: Zunächst gar nichts. Sie sind einfach zwei Extrempunkte meiner musikalischen Vorlieben. Auf der einen Seite steht das ganz Ruhige, Meditative, Zeitlose, Schwerelose, manchmal auch rein Stille. Auf der anderen Seite das total Energetische. Diese Gegensätze ergeben aber auch eine Spannung, die ich liebe.

Was ist für Sie gute Musik?

Wenn als Kriterium nur der Erfolg, also der Massengeschmack, zählt, kann das gefährlich sein. Meine eigenen Ansprüche sind durch meine klassische musikalische Ausbildung geprägt: Gute Musik muss eine geistige Tiefe haben. Ich glaube aber, dass diese Tiefe auch Laien spüren. Musik, die nur über eine schicke Oberfläche verfügt, kann es zwar in die Hitparade bringen, aber sie wird auch schnell wieder vergessen sein. Es ist die gute Musik, die überlebt.

Lässt sich Qualität  definieren?

Das ist unglaublich schwierig. Meine Fragen an die Musik sind jeweils: Ist sie banal, ohne jede Herausforderung an die Interpreten? – Ist sie originell oder wiederholt sie nur bereits Dagewesenes? – Kann ein Komponist eine gute Idee auch weiterentwickeln? – Und passt das Stück in den Rahmen, in dem es gespielt wird? Gerade das ist für die Kirchenmusik sehr wichtig. Aber absolute Kriterien gibt es nicht.

«Ich weiss nicht, ob sich ein klassischer Komponist mehr um die Ewigkeit 
kümmert als ein Rockmusiker. Die wollen einfach beide kreativ sein.» Joachim Schwander

«Ich weiss nicht, ob sich ein klassischer Komponist mehr um die Ewigkeit kümmert als ein Rockmusiker. Die wollen einfach beide kreativ sein.» Joachim Schwander Foto: Foto: Christoph Wider, forum

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Über Klassiker wird kaum je eine Qualitätsdiskussion geführt. Wie sieht es damit in der Rockmusik aus?

Die Originalität spielt hier sicher eine wichtige Rolle. Bruce Dickinson, der Sänger von «Iron Maiden», hat einmal in einem Interview gesagt, sie hätten sich nie um den Markt gekümmert. Ich finde, das hört man ihrer Musik an. Sie ist authentisch, ehrlich, kompromisslos. Und dabei harmonisch komplex und experimentell. Aber auch eine Band wie «AC/DC» hat ihre Einzigartigkeit. Vieles, was sie machen, ist ganz simpel, aber gerade diese Simplizität muss man ihnen erst mal nachmachen. Letztlich geht es mir hier aber wie mit der Klassik: Ich kann diese Qualität auf dem Papier nicht definieren, ich muss sie fühlen.

Viele Menschen empfinden Heavy Metal beim ersten Hinhören als puren Lärm. 

Es ist wie mit aller Musik, die man nicht kennt: Man muss sich an den Stil gewöhnen. Ich konnte anfangs mit «Pearl Jam» ebenso wenig anfangen wie mit Igor Stravinsky. Man muss sich in jede Art von Musik reinhören und lernen, A von B von C zu unterscheiden.

Woher kommt Ihr Zugang zur Rockmusik?

Ich bin in einem Elternhaus aufgewachsen, das sehr zwischen E- und U-Musik unterschieden hat. Aber als kleines Kind war ich bei Tageseltern, die Kinder im Teenager-Alter hatten. Und so bin ich beispielsweise mit «AC/DC» in Berührung gekommen. Deren Energie hat mich ungeheuer fasziniert. Erst später habe ich die Klassik richtig kennen gelernt. – Bis heute habe ich eine breite Palette von Vorlieben. Gute Musik kann man überall entdecken.

Wie sind Sie dazu gekommen, als Jugendlicher in einer Heavy-Metal-Band zu spielen?

Das war die typische Selbstfindung eines Teenagers. Zwischen 15 und 19 wollte ich von Klassik fast nichts mehr hören. Ich hatte zwar Klavier- und Orgelunterricht und habe das auch ernst genommen, aber man hätte mich nie in eine Oper zerren können. Mit 20 hatte ich dann eine Freundin, die mich wieder in Richtung Klassik geführt hat.

Dennoch habe ich in der Band viel gelernt, und wenn wir als Band musikalisch besser funktioniert hätten, dann hätte es in Richtung Progressive Rock gehen können. Progressive Rock von Bands wie «Dream Theater» fasziniert mich bis heute, und ich könnte mir vorstellen, auch wieder einmal solche Musik zu spielen.

In der klassischen Musik interpretiert man bestehende Werke. Jugendliche, die in einer Band spielen, schätzen vor allem auch die Möglichkeit zur Komposition…

…und zur Improvisation. Ich habe von klein auf improvisiert und bin heute noch stärker in der Improvisation als in der Interpretation. In einer Band improvisiert man sehr viel. Und wenn dabei gute Ideen herauskommen, legt man sich fest, wird daraus ein komponiertes Stück. Diese Lust an der Improvisation hat die Rockmusik dem heute gängigen klassischen Konzertbetrieb voraus. Zum Beispiel gab es in der historisierenden Aufführungspraxis eine Tendenz, alles nach wissenschaftlich abgesicherten, akademischen Regeln zu interpretieren. Mit dieser Haltung kann ich nichts anfangen. Ich finde sie unkreativ. Ich bin eher der Typ, der auch mal die heilige Kuh «Bach» schlachtet, über ein Bach-Thema frei in einem anderen Stil improvisiert oder ihn mit anderen Stilen kombiniert.

Was halten Sie von sakraler Musik als Gebrauchsmusik?

Das Wort «Gebrauchsmusik» mag ich nicht, weil wir damit Pflichterfüllung und Routine verknüpfen. Aber ich finde schon, dass es sich beim Gottesdienst um ein Gesamtkunstwerk handelt, in das sich die Musik einfügen muss. Ein Kommunionspiel beispielsweise sollte dann fertig sein, wenn die Kommunion zu Ende ist. Im Gottesdienst ist Musik untergeordnet oder beigeordnet. Da gelten andere Gesetze als im Konzert. Dort wird Musik quasi ins Museum in eine Glasvitrine gestellt, ist aber auch autonom. Und so gesehen ist Gottesdienstmusik dann doch Gebrauchsmusik – auf möglichst hohem Niveau gebraucht natürlich.

Sie haben als Qualitätsmerkmal guter Musik Tiefe genannt. Wo sehen Sie diese Tiefe in der Rockmusik?

Der Philosoph und Musiktheoretiker Theodor W.  Adorno hat sinngemäss einmal gesagt, dass Kunst ihre Mittel so kombiniere, dass etwas Unerwartetes aufblitze, etwas Unsagbares ausgedrückt werde. Stücke, in denen dieses Unsagbare aufleuchtet, sind für mich «Hallowed Be Thy Name» von «Iron Maiden» und «High Hopes» von «Pink Floyd». Oder ein Song wie «Lemon Tree» von «Fools Garden».

Eigentlich habe ich diesen Song gehasst, aber nicht, weil er schlecht war, sondern weil er eine extrem unangenehme Stimmung wiedergab, die ich damals selbst spürte. Es war Februar, die Schule langweilig, alles irgendwie öde – und dieser Song drückte genau diese Öde genial aus. Mit eigentlich ganz simpler Musik. Und trotzdem entstand etwas, was ich als Tiefe verstehe. Ob sich hinter der Oberfläche etwas auftut, hängt also auch davon ab, in welcher Situation ich mich gerade befinde, in welchem Moment welche Musik auf mich trifft.

 

 

«Lemon Tree» von Fools Garden

Das gilt wohl auch für Musik die im Gottesdienst gespielt wird.

Selbstverständlich! Auch dort steht Musik nicht für sich allein. Wenn ich die Musikstücke für einen Gottesdienst zusammenstelle, versuche ich mir immer die Zuhörer in der Kirchenbank vorzustellen. Welches Gebet haben sie gerade gesprochen? Welches folgt als nächstes? Welches Lied würden sie in dieser Abfolge gerne singen? Was passt in diesem Zusammenhang?

Gerade in dieser Hinsicht ist für mich das Ordinarium der katholischen Kirche eine grosse Hilfe. Es bietet eine Dramaturgie, die sich seit Jahrhunderten bewährt hat.

Unsere Elterngeneration ist mit Rockmusik gross geworden. Dennoch gilt Rockmusik im Gottesdienst vielerorts immer noch als «neumodisch».

Rockmusik hat einen anderen soziokulturellen Hintergrund. Sie ist Ausdruck einer Rebellion, die Texte teilweise obszön, manchmal sogar satanisch. Wenn man Rockmusik aus der Hitparade nimmt und sie ohne grosse Überlegung in den Gottesdienst einbaut, dann kann sich das schon beissen.

Mit Rockmusik den Gottesdienst aufzupeppen, reicht also nicht?

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Kirche auch eine Marke ist: Tabernakel, Altar, Glasfenster …wer in eine Kirche tritt, der tritt in eine eigene Welt ein. Das spiegelt auch die Musik wider, die hier erklingt. Wenn ich dagegen Rock oder Jazz höre, dann ist meine Assoziation sofort ein verrauchtes, verschwitztes Lokal. Wenn ich am Samstagabend ins «Moods» gehe, bin ich damit glücklich – aber am Sonntagmorgen in der Kirche will ich das nicht.

Ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass dieses leicht Fremde, Andersartige und vielleicht auch Althergebrachte seine besondere Faszination hat. Ich finde deshalb nicht, dass man ältere Liedtexte zwangsläufig updaten muss. Die Sprache in Bachs Kantaten ist total sperrig – und genau das hat einen besonderen Reiz.

Und schliesslich: Auch Rockmusik will gelernt sein. Man sollte nicht nur das tun, was das Publikum wünscht. Wenn Kirchenmusikern der Zugang zu Rock und Pop fehlt, dann werden sie diese Musik nie mit Begeisterung und Qualität spielen können. Da sollte eine Kirchgemeinde auch den Mut haben, sich selbst Grenzen zu setzen.

Was empfehlen Sie einem Fan von Rockmusik zum Einstieg in die sakrale Musik?

Das «Credo» aus der Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart. Oder der Eröffnungschor aus der Johannes-Passion «Herr, unser Herrscher», ein krass-dramatisches Stück. Und natürlich das «Dies irae» aus dem Requiem von Giuseppe Verdi. Dieses Stück hat mich begeistert, seit es mich das erste Mal so richtig aus dem ruhigen «Kyrie» aufgeschreckt hat.

Die  Empfehlung für Klassikfans, die sich in die Rockmusik wagen möchten?

«Seventh Son of a Seventh Son» von Iron Maiden und «The Division Bell» von Pink Floyd. Von diesen beiden Alben kriege ich nie genug. Es gibt auch einige wunderschöne Rockballaden. Früher hiess es immer, die härtesten Bands machen die schönsten Balladen. Das hat etwas. Vielleicht weil jene Bands, die ins Laute und Schnelle so viel Energie reinstecken, dasselbe auch im Elegischen und Stillen tun, und dadurch eine bessere Präsenz erzielen.

Ein krasses Beispiel dafür ist ein Song von «Rammstein». Die Band ist ja der Alptraum eines jeden liberalen, emanzipierten, anständigen Menschen. Ich weiss nicht einmal, auf welchem Album «Ohne dich» erschienen ist. Aber dieser Song ist eine unglaublich starke Ballade. Den könnte ich mir sogar in einem Gottesdienst vorstellen.

Und die Zukunft der sakralen Musik?

Anspruchsvolle Sakralmusik kann nur überleben, wenn wir Zeit und Musse für deren Vermittlung finden und nicht alles dem Geschwindigkeitswahn unserer Zeit opfern. Wir haben vielleicht noch eine Generation, die bei den Liedern des Kirchengesangbuchs problemlos mitsingen kann. Man sollte das nicht unterschätzen. Eine Melodie wie «Wie schön leuchtet der Morgenstern» ist nicht leicht zu lernen. Hin und wieder fünf Minuten Vorprobe vor dem Gottesdienst reichen dazu nicht aus.

Wenn alles schnell gehen und in zwei Minuten erfahrbar sein muss, dann steht das im Widerspruch zu jeder musikalischen Qualität – ob es sich nun um klassische Musik oder um populäre Musik handelt.

«The Division Bell» von Pink Floyd

«Seventh Son of a Seventh Son» von Iron Maiden

«Ohne dich» von Rammstein

«Credo» aus der Krönungsmesse von W. A. Mozart

«Dies irae» aus dem Requiem von Giuseppe Verdi

Text: Gespräch: Thomas Binotto

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Joachim Schwander hat in Zürich und Winterthur Orgel, Klavier und Kirchenmusik studiert. Nach dem Konzertdiplom folgten weitere Studien in Strassburg sowie an der Royal Academy of Music in London. Seit Frühling 2017 ist er Kantor in der Pfarrei St. Georg Küsnacht.