Thema «Rock 'n' Roll» - Essay

Musik im Ohr der Kirche

Soll sich die Kirche von der Rock- und Popmusik inspirieren lassen? Ein Essay des Journalisten und Religionspädagogen Klaus Depta.

Als am 25. September 1965 erstmals im deutschen Fernsehen eine Sendung mit Rock- und Popmusik gezeigt wurde, kündigte der spätere Tagesschau-Sprecher Wilhelm Wieben die erste Folge des «Beat-Club» so an: 

«Guten Tag, liebe Beat-Freunde. Nun ist es endlich so weit. In wenigen Sekunden beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen, die nur für euch gemacht ist. Sie aber, meine Damen und Herren, die Sie Beat-Musik nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis: Es ist eine Live-Sendung mit jungen Leuten, für junge Leute. Und nun geht’s los!»

Trotz dieser Vorwarnung fielen die Reaktionen älterer TV-Zuschauer harsch aus. Noch zwei Jahre später wurden die Musiker als «Urwaldmenschen» bezeichnet, im Beat-Club sah manch einer die «Diffamierung alter guter deutscher Sitten», oder glaubte sich in ein «Irrenhaus des Urwalds versetzt». – Toleranz? Verständnis dafür, dass Jugendliche anders sind und sein möchten als ihre Eltern? Fehlanzeige!

Nur wenig später, am 7. Dezember 1965, schrieb die Enzyklika «Gaudium et spes» der Kirche und allen, die Kirche sind, ins Stammbuch, was das Zweite Vatikanische Konzil ausmacht: «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.»

Daraus leitete die Enzyklika ab: «Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der Kirche allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben.»

Will man die Sprache der Konzilsväter in heutiges, einfaches Deutsch übersetzen, heisst das: Kirche will und muss sich modernen Lebenswelten und ihren Ausdrucksformen zuwenden.

 

Als die Konzilsväter berieten, war Rock- und Popmusik noch gar nicht im Blick. Stattdessen galt und gilt bis heute das Hauptaugenmerk der Katholischen Kirche der Musik für den Gottesdienst, wird das «Neue Geistliche Lied» massiv gefördert. Gott sei Dank! Denn dass die Gemeindegottesdienste moderner, jugendgemässer gestaltet werden sollten, war seit den 1960er-Jahren nicht zu überhören.

Leider ist diese Forderung bis heute nicht verstummt, trotz Übernahme dieses Liedgutes auch in die Gesang-
bücher, trotz Beatmessen, wie man in den 1970er-Jahren den (gescheiterten) Versuch nannte, Rock- und Popmusik in den Gottesdienst einzubeziehen.

Alles gut, alles richtig. Vor allem für jene, die «man bereits im Gottesdienst hatte». Was fehlte, war jedoch der Blick hin zu denjenigen, die «man nicht hatte», weder im Gottesdienst noch anderswo. Die hatte man einfach nicht im Blick.

Konflikte zwischen Jugendlichen und ihren Eltern sah man damals vorwiegend als vorübergehenden Generationenkonflikt: Zum Jugendlichen gehörte es, gegen die Elterngeneration zu protestieren, sich abzusetzen – um nach einiger Zeit ein ganz normaler, angepasster Erwachsener zu werden.

Musikalisch machte erstmals Cat Stevens 1970 mit seinem «Father And Son» deutlich, dass diese Denkweise die Gesellschaft nicht mehr adäquat beschrieb. Proteste gegen den Vietnamkrieg, das Festival von Love and Peace, zu dem Woodstock umgedeutet wurde, zeigten Wirkung.

 

 

«Father and Son» Cat Stevens

Seit in jüngerer Zeit mit der Sinus-Milieus-Studie ein dezidiertes Bild der Gesellschaft vorliegt, muss man sich sogar ernsthaft fragen, ob es den so genannten Generationenkonflikt, also – vereinfacht gesagt – die Differenzierung nach Alter, überhaupt gegeben hat oder ob man diesen Konflikt nicht im Nachhinein als Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen, sich in der Entwicklung befindlichen Milieus bezeichnen müsste.

In jedem Fall entsteht daraus die Forderung: Man muss den jeweiligen gesellschaftlichen Milieus offen begegnen, ihre Vertreter vorurteilsfrei annehmen. Hinhören statt verbieten, zulassen, statt zu reglementieren. Lieber den Probenraum für die Band in der Pfarrgemeinde fördern, als Jugendliche zu verlieren, auch wenn die Musik, die sie machen, vielleicht nicht dem entspricht, was die Gemeindeleitung weitaus lieber hören würde.

Aber es geht nicht bloss um Musikvorlieben der traditionellen Lebenswelten – es geht um weitaus mehr: nämlich darum, mit dem Mittel der Musik die Möglichkeiten zum Gespräch, zur Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Lebensentwürfe nicht aus der Hand zu geben, den ohnehin dünnen Faden der Kommunikation nicht abreissen zu lassen. Denn die Trennungslinien zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus scheinen zumeist unüberwindbar.

Musik jedoch, so die Sinusstudie, gilt als Medium, mit dem diese Grenzen durchlässig werden. Gospelkonzerte belegen schon lange, dass dies stimmt: Menschen unterschiedlichster Milieuzugehörigkeit feiern bei Gospelkonzerten miteinander, die Lebenswelten, aus denen sie stammen, spielen keine Rolle. Deshalb geht es ums Hinhören, ums Ernstnehmen – und zwar vorurteilslos, und nicht etwa um sich durch gespieltes Interesse eine gute Ausgangsposition zur Einflussnahme zu verschaffen.

 

Anders als die Katholische Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil nahmen die Evangelischen Kirchen auch die Musik jenseits der Gottesdienste in den Blick. Dabei führten sie seit den 1960er-Jahren eine tiefe, manchmal auch harte, an Selbstzerfleischung grenzende Diskussion über den Stellenwert von Rock- und Popmusik.

Ein Ergebnis von vielen waren Wettbewerbe wie ein Preisausschreiben der Evangelischen Akademie Tutzing, das 1960 das legendäre Siegerlied «Danke» hervorbrachte.

Darauf aufbauend fördern die Evangelischen Kirchen in Deutschland bis heute eine christliche Populärmusikszene, auf welche die Katholische Kirche mangels eigener, qualitativ gleichwertiger Interpreten immer wieder gerne zurückgreift, so auch bei den Weltjugendtagen.

Beim grössten katholischen Jugendevent der Welt müssen also evangelische und evangelisch-freikirchliche Interpreten «ausgeliehen» werden, weil die Katholische Kirche es versäumt hat, eine eigene populärmusikalische Szene zuzulassen, geschweige denn zu fördern. (Womit nichts gegen die evangelischen Bands und Interpreten gesagt sein soll – im Gegenteil!)

Wundert es wirklich, wenn Jugendliche, deren Leben nun einmal zu einem grossen Teil von Musik bestimmt ist, in der Kirche keine Heimat finden, weil es dort keine Entsprechung gibt? Augenscheinlich hat die Katholische Kirche über Jahrzehnte den Blick nicht gehabt, wo und wie eine junge Generation ihr Leben lebt, wo «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen» (auch) zum Ausdruck kommen.

 

Dass es auch anders geht, bewies 1997 Papst Johannes Paul II. eindrucksvoll beim Eucharistischen Kongress in Bologna: Unter seinen Augen trat Bob Dylan auf, Jahre vorher noch als «Rebell und Verführer einer ganzen Generation» gebrandmarkt.

Und der Papst tat, was die Katholische Kirche über Jahrhunderte stark gemacht hat: Er griff Dylans Song «Blowin’ in the Wind» für eine theologische Meditation auf: «Die Antwort wisse wirklich nur der Wind», erklärte er, «der Wind, der Atem und das Leben des Heiligen Geistes ist, der Stimme, die ruft: ‹Komm!›» – Das ist Inkulturation par excellence!

Aber warum ist davon in der deutschsprachigen Katholischen Kirche so wenig zu spüren? Weil sich Kirche und Rock- und Popmusik immer noch feindlich gegenüberstehen? – Eigentlich ist das Schnee von gestern. Denn längst hat der Osservatore Romano, also die amtliche Tageszeitung des Apostolischen Stuhls, mit wesentlichen Vertretern der Rock- und Popmusik Frieden geschlossen, mit den Beatles und besonders mit John Lennon, der wegen seines aus dem Zusammenhang herausgerissenen Wortes, dass die Beatles bekannter seien als Jesus Christus, in Ungnade gefallen war.

 

 

«Blowin in the Wind» Bob Dylan

Unbestritten gibt es Bands und Gruppen, die satanische oder okkulte Inhalte propagieren, die mit dem Evangelium unvereinbar sind. Aber selbst da gilt es zu differenzieren.

Ozzy Osbourne, lange Jahre Leadsänger der – mittlerweile im Ruhestand befindlichen – Band «Black Sabbath» gehört als selbsternannter «Fürst der Finsternis» zu den Musikern, die in ihren Songs mit Glaube, Religion und Satanismus spielen. Dass Osbourne seit Jahren zu den «Born Again Christians» gehört, also als Erwachsener sein Leben bewusst Jesus Christus übergeben hat, wird nur gelegentlich kolportiert. Und dass der Bassist Geezer Butler bekennender Katholik ist, weiss auch kaum jemand.

Immerhin: Die Schlussszene der Filmdokumentation «God Bless Ozzy Osbourne» zeigt den angeblichen Fürsten der Finsternis, wie er sich in seiner Garderobe für ein Konzert vorbereitet und dort vor einem kleinen Hausaltar betet.

Oftmals wegen seiner martialischen Bühnenshows einseitig interpretiert wird auch Altrocker Alice Cooper, 
der – Grossvater und Vater – aus einer Pfarrerfamilie stammt. Cooper selbst ist seit 2004 Träger der Ehrendoktorwürde der christlich-liberalen Grand Canyon University in Phoenix, Arizona, für die er sich in der Stiftung Solid Rock Foundation engagiert.

Der Musiker selbst sagt zu seinen Shows, er spiele manchmal den Schurken, aber der werde am Ende jedes Mal getötet. Am Schluss stehe die Auferstehung. Sein Pastor sei einmal in die Vorstellung gekommen und habe bestätigt, dort eine Figur zwischen Gut und Böse erlebt zu haben, wobei am Ende das Gute die Oberhand behalten habe.

 

Etwas mehr Gelassenheit, etwas mehr Zutrauen in den eigenen Glauben, etwas weniger Angst vor allem, was fremd ist und nicht in die eigene Lebenswelt passt – vielleicht ist es das, was der Katholischen Kirche gut täte. Und wohlgemerkt: nicht nur der Institution, sondern jedem Einzelnen, der Kirche ist! Wie sagte Johannes Paul II., ebenfalls im Zusammenhang mit dem bereits benannten Eucharistischen Kongress: Musik könne helfen, das Vertrauen in religiöse Werte zu stärken und eine Brücke zu Jesus zu bauen. Er hoffe, dass dieses Konzert dazu beitrage, fröhlichen Herzens mittels Musik miteinander zu kommunizieren. Bemerkenswert auch die Formulierung des damaligen Papstes, «die moderne Musik (sei) ein Mittel, die Worte des Friedens, der Hoffnung und der Versöhnung in der heutigen Zeit zu verkünden».

Text: Klaus Depta

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Klaus Depta hat über «Rock- und Popmusik als Chance» doktoriert. Er ist Leiter der Stabsstellen Rundfunk und Öffentlichkeitsarbeit im Bistum Fulda.

Bücher von Klaus Depta
«Holy Fire. Christliche Rock- und Popmusik in Religionsunterricht, Jugend- und  Gemeindearbeit» Lahn-Verlag 1999. 112 Seiten (mit CD).

«Rock for Jesus: Biographisches Lexikon christlicher Interpreten der Rock- und
Popszene» Kevelaer 2001. 176 Seiten.