Thema «Rock 'n' Roll» – Konzertkritik

One Love Manchester

Weshalb aus einem Gedenk-Konzert auch ein denkwürdiges Ereignis wurde.

Neben einem guten Musikmix, renommierten Stars und dem Gefühl, als Publikum aussergewöhnlich zu sein, braucht es für ein gutes Konzert vor allem eines: Emotionen.

Die gab es am 4.Juni beim «One Love Manchester» zu Genüge. Im Gedenken an die 23 Menschen, die durch ein Attentat am Konzert von Ariana Grande zwei Wochen zuvor gestorben waren, erhoben zahlreiche Popstars ihre Stimme gegen Hass und Terror.

Das ist ihnen gelungen, wie das grosse Echo zeigt, dass dieses Konzert in den Medien erhalten hat. Im Unterschied zu anderen Benefizveranstaltungen – mehr Selbstinszenierung als Wohltätigkeit – wirkt «One Love Manchester» authentisch und echt. Woran liegt das?

Es ist schon fast dunkel, als Coldplay mit ihrem Hitsong «Fix You» auf die Bühne tritt. Ihr Leadsänger Chris Martin kniet am Boden, Augen geschlossen, während die synthetischen Streicher ihn führen. Die Menschen im Publikum schauen gebannt nach vorne, singen ein letztes Mal den Refrain. Jeder kennt das Lied. Als Zuschauer hat man den Eindruck, in diesem einen, winzigen Augenblick begegnen sich die Menschen, bilden eine Gemeinschaft, zeigen sie sich solidarisch verwundbar.

50 000 Menschen entscheiden sich dazu, gemeinsam mit einzustimmen. Genau darum geht es an Konzerten: Die Zuschauer wollen sich mit den Künstlern verbunden fühlen. Künstler, die sich persönlich zeigen, Erfahrungen erzählen und betonen, wie wichtig ihnen dieses Konzert ist.

Jeder Einzelne ist aber auch verbunden mit den Menschen im Stadion, die gleichzeitig mitten in der Nacht tausende Lichter hochhalten, während Ariana Grande mit zittriger Stimme «Somewhere over the Rainbow» singt. In diesem Moment entsteht eine Gemeinschaft, in der alle das Gleiche zu fühlen scheinen. Weint jemand auf der Bühne, so weinen die Menschen im Publikum, öffnet sich jemand, so öffnen sich auch Andere. Auf diese Weise kann Tiefe entstehen: wenn Menschen sich mit anderen Menschen eins fühlen.

 

 

 

«Fix You» von Coldplay

Gelungen ist diesem Konzert vor allem die Mischung zwischen Trauer und Freude, zwischen leise und laut. Dieser Mix ist enorm wichtig, ihn zu finden nicht immer einfach. Obwohl der schreckliche Anlass zu diesem Konzert dazu beiträgt, dass das Publikum schon von Anfang an berührt ist, droht aus demselben Grund auch die Gefahr, ins Künstliche abzudriften. 

Es braucht beide Komponenten: den Schülerchor, der zusammen mit Ariana Grande «My Everything» singt, eine Ballade, welche das Publikum zu Tränen rührt – und gleichzeitig die Show von Pharrell Williams und Miley Cyrus, die mit «Happy» die Leute zum Tanzen bringen, die lachen und zeigen: Das Leben soll trotz allem gefeiert sein!

Am Ende sind es die Kleinigkeiten, die Wahrhaftigkeit vermitteln: Der Sicherheitsmann, der mit den Leuten vom Publikum tanzt. Die Art, wie sich die Musiker gegenseitig unterstützen. Und die Umarmungen auf und hinter der Bühne. Am gleichen Ort, wo kurz zuvor Menschen bei einem «ganz gewöhnlichen» Konzert getötet wurden, macht «One Love Manchester» uns allen Mut, zusammenzustehen.

«Happy» Miley Cyrus und Pharrell Williams

Text: Luana Nava