Thema «Rock 'n' Roll» - Biografie

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«Meine Aufgabe ist es zu beweisen, dass dieses ewig flüchtige, nie uneingeschränkt glaubhafte Wir lebendig ist.» So beschreibt Bruce Springsteen seinen Job als Rockmusiker.

In seiner Autobiografie spricht er von einer Gemeinde, an die er sich richtet. Und an seinen Konzerten wird Rock zelebriert als wäre es ein Gottesdienst.

Eindrücklich erzählt der Sohn einer Italienerin und eines Iren seine Kindheit als Katholik. Am Ende der Schulzeit kehrt er der Kirche den Rücken. «Als ich aber älter wurde, fielen mir in der Art, wie ich dachte, reagierte und mich verhielt, bestimmte Eigenarten auf. Reumütig und verwirrt wurde mir am Ende klar: einmal katholisch, immer katholisch. Also hörte ich auf, mir etwas vorzumachen. Ich praktiziere meinen Glauben nicht allzu oft, aber ich weiss, dass ich irgendwo … tief in mir drin … immer noch zum Team gehöre.»

In seinem Rückblick auf die Schulzeit wird spürbar, dass Rockmusik auch ein Akt der der Befreiung ist: «Wie jeder, der mal Rockstar werden will, erlebe und erleide auch ich als Schüler Mobbing.» Ausgerechnet im Jugendkeller seiner Pfarrei entdeckt er das Talent zum Showman.

Damit wird die Musik zu seiner Welt – und die Welt zu seiner Musik. Es ist die Zeit der Anhalter. Zu denen gehört er mit grosser Leidenschaft. Nicht nur aus Reiselust, sondern auch weil er Menschen kennen lernen will. Noch heute ist spürbar, dass viele seiner Songs in dieser Zeit ihr Fundament haben.Springsteens Auseinandersetzung mit dem Glauben hört nie auf. Das Thema seines Albums «The Wild, the Innocent & the E-Street Shuffle» benennt er selbst als die «Suche nach Erlösung»  – und das ist bis heute eines seiner Hauptthemen geblieben. Mit den Mitteln des Rocks ist das aber nicht bloss ein düsteres Grübeln, es führt auf musikalischem Weg immer wieder zu dem, was Erlösung verspricht: zur Ekstase, zur Entgrenzung.

Rock löst in Springsteen eine Transformation aus. Noch immer ist er im «wirklichen» Leben der schüchterne Junge, der von seinen Mitschülern gehänselt wurde. Nur einen Ort kennt er, wo er «die Sau rauslassen» kann: «Seltsamerweise fühle ich mich dort, unter den Blicken Tausender Menschen, so sicher, dass ich mich gehen lassen kann.» Und seine Fans spüren instinktiv, dass hier im Konzert ein transzendenter Moment geschieht. Dass Springsteen nicht mehr ganz sich selbst ist, sondern zur Musik wird, die er spielt.

Wenn Bruce Springsteen in seinen Konzerten ein «Haus des Rocks» beschwört und seine «Gemeinde» mitreisst, dann ist das fernab von Konfession und Dogma ein Gottesdienst, eine Feier des Lebens. Und so verwundert es gar nicht, dass Springsteen, der ewig katholische Nichtkatholik am Ende seiner fast 700 Seiten Lebensbeichte ganz selbstverständlich das «Vater unser» anstimmt, als wäre es die letzte Grundlage all seiner Songs.

Bruce Springsteen über seine Autobiografie

Text: Thomas Binotto