Thema «Rock 'n' Roll» - Leitartikel

Was mich rockt

Meine musikalische Entwicklung steht Kopf, denn ich habe mich im Laufe meines Lebens von der wertvollen Tiefe an die seichte Oberfläche bewegt. Bis ich zwölf war, habe ich ausschliesslich Klassik gehört, kannte ich jeden Ton einer Beethoven-Sinfonie.

Dann habe ich die Beatles entdeckt. Das war Ende der 70er-Jahre weder besonders aktuell noch besonders gewagt. Von da aus ging es weiter zu «Alan Parsons Project» und «Genesis» (Foto). Auch das für einen Klassikfan nachvollziehbare Entwicklungen.

Ausgerechnet mein klassikbegeisterter Vater sorgte für eine nachhaltige Wende, als er von einer Reise nach London das brandneue Album «Regatta de Blanc» von «The Police» mitbrachte. Plötzlich war ich Avantgarde und nervte an jedem Klassenfest, weil ich diese damals in der Provinz noch völlig unbekannte Band auflegen wollte.

Obwohl ich bis weit ins Erwachsenenalter der Klassik treu blieb und immer neue Klangwelten von der Polyphonik der Renaissance bis zur Spätromantik erschloss, von der Kammermusik bis zur Oper, gab ich mein Taschengeld für Rock- und Popmusik aus – die Klassik-Alben hatte ja alle mein Vater. Ich weiss noch genau, wie ich im fernen Kiel «Plays Live» von Peter Gabriel entdeckt habe. Ein Album, das monatelang bei jeder Gelegenheit lief. Bis heute ist Peter Gabriel eine meiner Konstanten.

 

 

«Solsbury Hill» Peter Gabriel

Aber wirklich in der populären Musik angekommen bin ich erst in den letzten Jahren. Noch immer vervollständige ich meine Bildungslücken, wie ich es früher in der Klassik tat. Ich bin so gwundrig wie nie zuvor. Erst 2002 habe ich so Bruce Springsteen entdeckt, eine späte aber heftige Liebe. Und allmählich traue ich mich, von meiner populärmusikalischen Allgemeinbildung zu sprechen, weil mein Horizont nun immerhin von der melancholischen Aimee Mann bis zur überdrehten Paloma Faith reicht, von Marvin Gaye bis The Muse und von Teenage Fanclub bis Linkin Park.

Meine Musikwelt steht allerdings immer noch Kopf, weil ich im klassischen Konzert nun unruhig werde: «Leute, spürt ihr nicht, dass Beethoven rockt!» – Und weil ich ein Konzert von Springsteen am liebsten ganz in mich versunken geniessen würde.

Dieses Heft ist unter dem Label «Rock ’n’ Roll» der Rockmusik in einem weiten Sinn gewidmet. Besonders zeitig dran sind wir damit 60 Jahre nach der Erfindung des Rock ’n’ Rolls nicht. Aber bis heute ist Rock ein Versprechen von Wagemut, Ekstase, urwüchsiger Vitalität und dem Aufheben von Schranken geblieben. Die Begeisterung für Rock  hängt nicht von Bildung, Vermögen oder Klasse ab.

Ich wünsche mir, der Glaube, das Christentum, die Kirche würden uns genauso unmittelbar rocken. Uns ins Rollen bringen, wagemutig aufbrechend, urwüchsig vital und rebellisch mitreissend.

Text: Thomas Binotto