Narrenschiff

Advent im Underground

Eigentlich mag ich den Advent mit all seinen Bräuchen.

Eigentlich mag ich den Adventskranz. Schön ausladend, mit bunter Deko verziert und dicken roten Kerzen drauf. – Eigentlich bin ich verrückt nach Adventskalendern. Täglich ein Türchen mit einem nostalgischen Helgeli dahinter. – Eigentlich bin ich ein Fan vom Samichlaus, der dafür sorgt, dass ich schon vor Weihnachten den Gürtel weiterschnallen muss. – Und eigentlich mag ich Adventsmusik, Glühwein, Bratäpfel, Lichterketten, Sterne, Engel – zur Not sogar Rentiere.

Aber neuerdings steckt mein Kitschgemüt in der Krise.

Wenn ich mich eines adventlichen Abends durch meine übervölkerte Altstadt kämpfen muss, dann steckt dahinter nicht etwa ein herzlicher Flashmob, den vorweihnachtlich gestimmte Menschen angezettelt haben. Der Auflauf huldigt dem Coca-Cola-Truck, der durch die engen Gassen fährt.

Und der Adventskalender feiert gerade ein Revival, das mich gruselt. Jeden Tag ein Figürchen unserer liebsten Spielzeughersteller fand ich noch putzig. Beim Schoko-Kalender wäre ich fast schwach geworden. Den Kosmetik-Adventskalender finde ich allerdings schon ziemlich seltsam. Früher haben wir Müsterli doch nie bezahlt. Die Fernsehwerbung für einen Sextoy-Kalender ist nur noch abartig.

Und nun droht mir gar mein persönliches Raumzeitparadoxon. So allmählich vergeht mir nämlich auch die Freude an meinen altbekannten Bräuchen. Ich liebe Adventsbrimborium. Aber dieses wird nun mit einem Adventsgetöse in Misskredit gebracht, das gar keinen Sinn mehr macht, weil es nichts mehr mit Weihnachten zu tun hat.

Seit auf jeder Sammelstelle auch noch ein Weihnachtsmarkt stattfindet, seit die Glühweinpipeline auf den Fronwagplatz führt, seit mein Nachbar mit seiner Lichterschlange den Lilalichtbezirk bis in mein Wohnzimmer blinken lässt, seit alles möglich ist, weil sich nichts mehr an Weihnachten festmachen muss, seither befindet sich meine Adventsstimmung im freien Fall.

Und das wäre mein persönlicher Supergau: Dass ich eines Tages die sensationellen Guetzli meiner Mutter nur noch mit routiniertem Widerwillen kauen würde, weil ich an das Gebäck der Grossverteiler denken muss, diese monströsen Ausgeburten eines Atomversuches. Und dass ich meine geliebten Christmas Carols nur noch als kaufluststeigerndes Gedudel deuten könnte.

Es muss etwas geschehen, damit mein Advent gerettet werden kann. Momentan versuche ich es gerade mit mentalem Training. Ich gehe durch Strassen und Geschäfte und rede mir ein, dass all das nichts mit Weihnachten zu tun hat. Dass hier ein ganz anderes Fest gefeiert wird. Und siehe da, in meiner selbst gewählten Underground-Kultur beginnen meine matt gewordenen Augen allmählich wieder zu leuchten.

Text: Thomas Binotto