Interview

Das Augenlicht zurückgeben

In Entwicklungsländern erblinden Menschen durch Augenkrankheiten, die heilbar wären. Um den Ärmsten der Armen zu helfen, bildet Augenarzt Michael Ketema in Guinea Fachärzte aus.

Herr Dr. Ketema, wie ist die Gesundheitslage der Bevölkerung in Guinea?

Michael Ketema: Die medizinische Versorgung in Guinea ist ungenügend. In kaum einem Land sind die Pro-Kopf-Ausgaben für die Gesundheit so tief. Entsprechend hoch ist die Kindersterblichkeit und niedrig die Lebenserwartung. Beinahe die Hälfte aller Kinder leiden an Unterernährung und Blutarmut. Die Menschen sterben vor allem an Atemwegserkrankungen, Malaria, Durchfall, Aids und Hirnhautentzündung. Das Land war 2014 auch stark von Ebola betroffen. 

Welches sind die häufigsten Augenkrankheiten?

Die Hauptursachen für Blindheit und eingeschränkte Sehkraft sind der Graue und der Grüne Star, Fehlsichtigkeit, altersbedingte oder durch Zuckerkrankheit hervorgerufene Netzhaut-Degeneration und Augeninfektionen.

Wie können Sie helfen?

Drei Viertel aller Augenkrankheiten können verhindert oder geheilt werden. Beim Grauen Star zum Beispiel, der global häufigsten Ursache von Erblindung, vermag ein 15-minütiger Eingriff das Augenlicht zurückzubringen. Dabei wird die trübe Linse durch eine neue, künstliche ersetzt. Anderen Erkrankungen beugen Routineuntersuchungen und verbesserte Hygiene vor oder sie können mit einfachen medizinischen Interventionen behandelt werden.

Unsere Augenklinik Cadesso kann dank der finanziellen und materiellen Unterstützung der CBM Christoffel Blindenmission Schweiz alle in Guinea auftretenden Augenkrankheiten behandeln. Die Fachärzte, die an unserem Ausbildungszentrum abschliessen, bringen dringend benötigte Hilfe ins gesamte frankofone Westafrika.

Viele Menschen, die durch den Grauen Star erblindeten, können heute wieder sehen und auf ihren Feldern arbeiten. Weil Fehlsichtigkeit nun auch in Schulen auf dem Land früh erkannt und korrigiert wird, können Kinder ihre Ausbildung erfolgreich fortsetzen.

Wie sieht die Ausbildung der ärztinnen und ärzte an Ihrer Klinik aus?

Seit 2004 bieten wir Mediziner ein zweijähriges überregionales Nachdiplomstudium in Augenheilkunde und Augenchirurgie an. Damit wirken wir dem Facharztmangel entgegen. Inzwischen haben wir bereits 62 Augenärztinnen und -ärzte aus Guinea, Mali, Niger, der Elfenbeinküste, Togo und Benin ausgebildet. 14 weitere werden in Kürze abschliessen.

Seit zwei Jahren bieten wir auch eine vierjährige Augenarzt-Fachausbildung an, an der 13 Studenten eingeschrieben sind.

Ihre Arbeit ist sehr erfolgreich. Worauf sind Sie besonders stolz?

Unsere grösste Stärke ist der Praxisbezug der Augenarzt-Ausbildung. Unsere Studenten operieren bereits ab dem zweiten Semester an den Patienten. In ländlichen Gebieten versorgen sie anschliessend die bislang vernachlässigte Bevölkerung mit spezialisierter Augenmedizin.

Wo liegen die Probleme?

Der medizinischen Fakultät in Guinea fehlen einheimische Professoren in Augenheilkunde. Unser Ausbildungsprogramm ist dadurch auf ausländische Fakultäten angewiesen – was kostspielig ist.

Warum engagieren Sie sich bei der CMB?

Die CBM ist eines der besten und erfahrensten Hilfswerke im Bereich Augenheilkunde. Als afrikanischer Augenarzt bin ich der CBM sehr dankbar für die Chance, Menschen in verschiedenen afrikanischen Ländern zu helfen.

Ihre Vision für Afrika?

Wir afrikanischen Fachpersonen müssen in Afrika bleiben, um unserem Kontinent Demokratie, Frieden und Wohlstand zu bringen.

Text: Pia Stadler