Stolpersteine

«Frömmigkeit»

Wenn heute jemand als «fromm» bezeichnet wird, dann ist das nicht unbedingt ein Kompliment. Manchmal wird einem frommen Menschen auch Scheinheiligkeit, Bigotterie oder Frömmelei unterstellt.

«Frömmigkeit» hat heute oftmals den Beigeschmack von Unehrlichkeit und Heuchelei. Dabei hat der Begriff von seiner ursprünglichen Bedeutung her mit all diesen Zuschreibungen eigentlich gar nichts gemein.

Von seiner althochdeutschen Wurzel «frum» her ist mit «Frömmigkeit» Tüchtigkeit, Tapferkeit und Nützlichkeit gemeint. Ein «frommer Knecht», der war gut, rechtschaffen und ehrlich. «Fromme Hände» zeichneten eine Person aus, die fleissig und emsig ist. Das deutsche Wort «fromm» bezog sich damit nicht nur auf den religiösen Bereich, sondern auf das ganze Alltagsleben.

Mit dem Beginn der Neuzeit erlebte der Begriff jedoch einen Bedeutungswandel, «fromm» und «Frömmigkeit» erhielten eine spezifisch religiöse Note. Ein frommer Mensch ist jetzt jemand, der gottesfürchtig ist und ein gottgefälliges Leben führt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist der Begriff «Frömmigkeit» dann weithin ganz eingeengt auf das religiöse Gefühlsleben und wird ausschliesslich als innere Haltung des Einzelnen verstanden, die im äusseren Verhalten ihren Ausdruck finden soll.

Damit öffnete sich aber auch das Tor für mögliche Missdeutungen: Ist das gezeigte Verhalten nur äusseres Zeremoniell oder etwa Ausdruck weltflüchtiger Abkapselung? Solche Missdeutungen überschatteten dann im 20. Jahrhundert den Begriff.

Dabei meint der Begriff «Frömmigkeit» eigentlich ganz allgemein Ehrfurcht vor dem Göttlichen, ein Ausgerichtetsein auf Gott, eine Bereitschaft, Gott in seinem Leben einen Platz zu geben.

Mitte des 20. Jahrhunderts kam aus dem Französischen der Begriff «Spiritualität» auf, der die Rede von «fromm» und «Frömmigkeit» fast ganz ersetzt hat. Anders als «Frömmigkeit» wird «Spiritualität» positiv konnotiert, obwohl beide Begriffe eigentlich annähernd identisch sind.

Die Theologie versucht heute, die Weite des Begriffs «Frömmigkeit» wiederzugewinnen. Man versteht «Frömmigkeit» als «Gestaltwerdung des Glaubens im Alltag». Damit ist eingefangen, dass der Glaube des Einzelnen sowie der Gemeinschaft eine Verwirklichung im täglichen Leben finden will, weil Glaube Antwort ist auf das Heil Gottes, das sich nicht nur in längst vergangener Geschichte ereignet hat, sondern sich im Hier und Jetzt fortsetzt und auf eine gelingende Zukunft ausgerichtet ist.

Text: Birgit Jeggle Professorin für Liturgiewissenschaft in Chur & Luzern