Editorial

Woher kommt das Glück?

Was hilft uns, zufrieden mit unserem Leben zu sein? Fragen wir die Hundertjährigen!

Wer gesund ist, geistig und körperlich nicht wesentlich eingeschränkt, wer viele Freunde hat und aktiv ist, der ist auch im Alter zufrieden. Davon ist man auch wissenschaftlich bis anhin ausgegangen. 

Nun stellen zwei Studien der Heidelberger Universität diese Vorstellungen gründlich auf den Kopf. Befragt wurden ausschliesslich über 100-jährige Menschen, von denen niemand mehr gesund und aktiv war, sondern alle mehrfach eingeschränkt und oft sehr gebrechlich. Ihre Antworten überraschen: Zufriedenheit mit der eigenen finanziellen Situation, ein hohes Glücksempfinden und das Gefühl, der eigene Gesundheitszustand sei ganz okay, machen glücklich. Der tatsächliche Kontostand wie auch die objektiv vorhandenen Gebrechen spielen dabei gar keine wesentliche Rolle. 

Fazit: Den Hundertjährigen gelingt es, sich an kleinen Dingen zu erfreuen. Sie haben gelernt, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist: im Wandel, im Loslassen und Abschiednehmen. Sie haben ihre Ziele und Motivationen der immer wieder neuen Lebenssituation angepasst. Sie verwenden ihre begrenzte Kraft auf das, was ihnen wirklich wichtig ist. 

Nicht nur Hochbetagte, auch kleine Kinder können uns zeigen, wie man mit dem eigenen Leben zufrieden sein kann: offen, neugierig, im Augenblick versunken. 

Statt möglichst viele Weihnachtsguetzli backen und tausend Adventsfeiern und Weihnachtsmärkte abklappern könnten wir uns von den Alten und den ganz Kleinen etwas abschauen. Uns freuen am Duft von Orangen, mit Nelken gespickt. Aus dem Fenster schauen und die Nebelfetzen in den Bäumen bewundern.  Eine Weihnachtskarte von Hand schreiben. Kerzenlicht in der Roratefeier oder am Stubentisch geniessen. 

Und falls wir – weil noch nicht hundertjährig – bis Weihnachten voller Verpflichtungen herumhetzen, tun wir das alles einfach nach Weihnachten.  


Text: Beatrix Ledergerber-Baumer