Gedanken zum Fest

Alles andere als normal

Nichts von alledem, was in Bethlehem Weihnachten ausmacht, scheint mit unserem Weihnachtsideal zu tun zu haben.

Immer ist es laut am Heiligen Abend in Bethlehem. Oft ist es warm. Pfadfinder dudeln mit dröhnenden Lautsprecherboxen um die Wette, und auch der Muezzin mischt mit. Zuckerwatte, Weihnachtsmannkostüme, Rockkonzerte. Menschenmassen. Mit Kopftuch und ohne. Dazu Falafel und Kardamomkaffee, wenn das Wetter mitspielt: bei sommerlichen Temperaturen.

Unweit von dem Lärm um Jesu Geburt trennt eine Mauer Bethlehem von Jerusalem. Menschen von Menschen. Den Ort der Geburt vom Ort der Auferstehung.

Kein Schnee rieselt, und leise schon gar nicht. Der Stall ist eine Grotte. Einsam wacht in dieser Nacht im Umkreis des Krippenplatzes niemand. Stattdessen stehen Menschen stundenlang an, um die Nacht der Nächte am Ort des Geschehens feiern zu dürfen.

Und dann ist er da. Dieser Moment, in dem kein Trubel mehr in die Geburtsgrotte dringt. In dem eine Handvoll Franziskanerbrüder hinter geschlossenen Türen dem hölzernen Christkind der Mitternachtsmesse die Krippe bereitet. Die Leerstelle hinter der geputzten Vitrinenscheibe lädt ein zu Stille und Andacht. Es ist ein Augenblick, hineingehaucht in das Volksfest des Heiligen Abends. Halte inne. Tanke auf. Und dann geh wieder hinaus in das Leben. Dazu scheint die leere Krippe aufzurufen. Suche Gott unter den Menschen.

Schier endlos erscheint später am Abend die Prozession mit dem lächelnden Jesuskind durch die Kirche, durch den Kreuzgang. Jeder soll ihn sehen können, bevor er weit nach Mitternacht hinunter in die Grotte getragen wird, um den Platz in der leeren Krippe einzunehmen. Bring Gott zu den Menschen.

Nichts an der Heiligen Nacht in Bethlehem entspricht unserem «normal». Gerade darum passt sie an keinen Ort besser als nach Bethlehem. Denn was an der Geburt Gottes durch eine Jungfrau ist schon normal. Begegne Gott, dem Menschen.

Text: Andrea Krogmann

Angebot laufend

Die Journalistin und Fotografin Andrea Krogmann lebt und arbeitet seit 2010 als Nahostkorrespondentin der Katholischen Nachrichtenagentur KNA in Jerusalem. Zuvor war sie in Zürich bei der Schweizerischen Katholischen Nachrichtenagentur Kipa und bei kath.ch tätig.

www.krogmann-photo.com