Editorial

Schauen statt sehen

Haben Sie unser Titelbild schon gesehen? – Schauen Sie nochmals hin!

Eine kleine Tanne in dieser Jahreszeit? Das kann nur Christbaum bedeuten. Und schon haben wir das Bild als typisches Weihnachtsmotiv abgehakt.

Wenn wir allerdings im Internet unter dem Stichwort «Christbaum» eine Bildsuche durchführen, wird uns bewusst, dass dieses scheinbar so typische Weihnachtsbild aus der Reihe tanzt. Es ist offensichtlich nicht das Resultat eines perfekt ausgeleuchteten Fotoshootings. Kein Star, der in Szene gesetzt wird. Bloss eine kleine Tanne im Wald.

Das Christentum war schon immer eine Religion der starken Bildsymbole: Kreuz, Fisch, Brot, Licht, Wasser … ein schier unerschöpfliches Zeichensystem, das zur schnellen Identifizierung religiöser Inhalte beiträgt. Und so ist auch der Tannenbaum zum Christbaum geworden, zu einem Symbol für unseren Glauben. Beschrieben im Lied «O Tannenbaum».

Derselbe Tannenbaum ist aber auch das Symbol eines verkitschten Weihnachtsfestes. Teilweise so hemmungslos marktschreierisch, dass unter dem geschäftstüchtigen Firlefanz der ursprüngliche Christbaum gar nicht mehr zu sehen ist.

Sollen wir den Tannenbaum deshalb als Symbol entsorgen? Weil er für jene Nettigkeiten steht, die wir uns aus Harmoniesucht antun. Oder weil er ohnehin nur unsere Kauflust anstacheln soll. Weil er eine glitzernde Hülle ohne Inhalt ist.

Nein, das werden wir hoffentlich nicht tun. Der Tannenbaum kann nämlich nichts dafür, wenn wir ihn zum Popanz machen. Also tun wir es dem Bild von Christoph Wider nach: Wir befreien den Tannenbaum von seinem Ballast. Lernen wieder seine Schlichtheit zu sehen. Entdecken, dass er darin ganz und gar einzigartig ist. Eben doch nicht irgendein Tannenbaum, sondern der Christbaum …

Text: Thomas Binotto