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Schutz im Tunnel

Vor der ersten Sprengung zur dritten Gubrist-Röhre steht die heilige Barbara im Mittelpunkt.

Am Dienstag, 21. November, ereignet sich bei Zürich ein Anschlag. Kein Terror-Anschlag: In der Baubranche markiert der Begriff den Beginn eines neuen Tunnelbaus. Das wird viele Lastwagenfahrende aufatmen lassen: Es geht um die dritte Röhre des oft überlasteten Gubristtunnels.

Der Baubeginn ist für Arbeiter, Organisatoren und Verantwortliche ein besonderer Tag. Dies wird nicht nur durch die vielen Gäste deutlich, die an diesem Dienstagmorgen vor dem Tunnelportal im Schlamm stehen. Besonders eine Person, die vor langer Zeit lebte, steht im Mittelpunkt: die heilige Barbara.

Als Barbara eine Gruppe junger Christen kennenlernte, musste sie vor ihrem Vater flüchten, weil er sie zwingen wollte, ihren Glauben aufzugeben. Die Legende besagt, dass sich auf ihrer Flucht der Fels vor ihr öffnete, um ihr einen sicheren Weg zu ermöglichen. Trotzdem wurde sie später gefangen und getötet – und wird seither als Märtyrerin verehrt. Die Tunnelbauer haben sie zu ihrer Schutzpatronin ausgesucht. Nach wie vor wird bis heute kein Tunnel gegraben, ohne um die Fürsprache der heiligen Barbara für einen guten Verlauf der Bauarbeiten zu bitten.

Vor der Felswand, in der die neue Röhre hineingegraben werden soll, steht ein mit Tannenzweigen und einer Kerze geschmückter Tisch. Darauf sieht man die kleine Statue der heiligen Barbara. Der katholische Pfarrer Remo Eggenberger und der reformierte Pastor Bernhard Botschen machen auf eine besondere Dimension aufmerksam, die im Leben eine Rolle spiele: «Wir haben nicht immer alles im Griff.» Beide wollen mit ihren Worten der Andacht und des Gebets Mut machen, auf Gott zu vertrauen. 

Baustellenchef Rolf Dubach bestätigt in seiner Ansprache: «Wir leben in einer Zeit, wo der Glaube herrscht, dass alles planbar ist. Wir alle aber wissen, dass das echte Leben und damit auch das reale Bauen nicht so ablaufen.» Für die Tunnelbauer ist diese Barbara-Feier zu Beginn der Arbeiten wichtig: «Würden wir das nicht machen und es geschieht später ein Unfall, würde man es dem zuordnen», erklärt Dubach.

Nachdem Pfarrer Eggenberger die kleine Statue mit Weihwasser gesegnet hat, wird sie von einem Bauarbeiter in eine kleine Nische gestellt. Die Tunnelbauer bitten um ihren eigenen Schutz, möchten aber auch symbolisch die Heilige schützen und sie wohlbehütet wissen.

Text: Oliver Sittel, freier Mitarbeiter

«Barbara behütet uns und wir behüten sie»

Angebot laufend

Nachgefragt bei Rolf Dubach, Baustellenchef der 3. Gubrist-Röhre
Nachgefragt bei Rolf Dubach, Baustellenchef der 3. Gubrist-Röhre

Was bedeutet Barbara den Arbeitern?
Mitarbeiter im Tunnelbau bleiben meist ihr ganzes Leben bei dieser Arbeit. Die heilige Barbara ist ein fester Bestandteil ihres Arbeiterlebens. Deshalb steht die Statue während der ganzen Bauzeit in einer Nische im Eingangsbereich des Tunnels. Die Nische ist ein Schutz für Barbara: Sie behütet uns und wir behüten sie. 

Was geschieht am Barbara-Tag, dem 4. Dezember? 
Der Barbara-Tag ist für Tunnelbauer wie Weihnachten. Sind wir zu dem Zeitpunkt bei den Vortriebsarbeiten, graben also effektiv im Tunnel, dann halten wir das grosse Ritual mit einer Messe im Tunnel. Sind wir aber im Dezember gerade im Ausbau und machen Betonarbeiten, veranstalten wir eine Art vorgezogenes Weihnachtsessen. 

Spielt der Glaube auf der Baustelle oder privat eine Rolle?
Wir kommen aus allen Schichten, Kulturen und Religionen. Der Glaube spielt bei den einen mehr, bei den andern weniger eine Rolle. Wie sonst in der Gesellschaft auch.

Und für Sie persönlich?
Ich hätte gern eine etwas modernere, reformiertere Barbara. Aber die Tradition, die ein Haltepunkt in unserem Schaffen ist, finde ich sehr gut. Wir feiern nicht nur ein Ritual, sondern sitzen zusammen, essen und trinken, reden zusammen. Dies ist bereits meine 30. Barbara-Feier!

os/bl