Gott und die Welt

Suche nach den Eselinnen

Die Bibelsammlung von Thomas Markus Meier zeigt einen Querschnitt durch die Geschichte der Bibelillustrationen. Ein Augenschein.

Eine kleine Stube in einem Haus in Obergösgen. Gestelle voller Bücher bedecken zwei Wände, am Boden stehen bräunlich-alte Bände. Hier zeigt sich die Leidenschaft des katholischen Theologen Thomas Markus Meier. Er sammelt Bilderbibeln. Weit über 100 seien es inzwischen, schätzt er. Die berühmtesten und ältesten Bilderbibeln hat er als Faksimile erstanden. Sie scheinen echt, mit Flecken und Löchern im Papier. Wunderbar filigrane Malereien oder Zeichnungen sind darin zu sehen.

Der Mann mit grauem Rossschwanz holt ein Buch nach dem anderen. Er schlägt die vermutlich im 6. Jahrhundert entstandene Wiener Genesis auf, eine der ältesten Bibelillustrationen. Darin ist die Suche von Abrahams Knecht nach einer Frau für Isaak dargestellt. Auf dem Bild ist eine zweite Frau mit entblösster Brust zu sehen. «In der Antike hat man jede Quelle, jeden Fluss mit einer Quellnymphe versehen», erklärt Meier. Davon stehe natürlich nichts in der Bibel.

Im Utrechter Psalter legt der Sammler den Finger auf eine Szene. «Normalerweise ist Jesus in einer Mandorla drin dargestellt», sagt er. «Doch bereits im Jahr 800 zeichnet man einen Jesus, der aus dem Heiligenschein rausläuft, um in der hiesigen Welt einzugreifen.» In einem Stundenbuch, also einem Laiengebetbuch, macht er auf eine Frau aufmerksam, die Jesus salbt. Das sei im Evangelium beschrieben. Ebenso, dass eine Frau Jesu Füsse mit ihren Tränen gewaschen und den Haaren getrocknet habe. Die kniende Frau werde oft dargestellt, die stehende und salbende fast nie. El Grecos Altarbild ist die farbige Ausnahme. Davon hat Meier eine Kopie aufgehängt.

Es ist dieser suchende Blick, der Meier zu einem Sammler gemacht hat. Als Pastoralassistent – vor rund 20 Jahren – schrieb er jedes Jahr ein Krippenspiel, das die Rollenwünsche der Kinder berücksichtigte. Als sechs Kinder den Esel spielen wollten, hätte er ein Bild von Sauls Suche nach den Eselinnen für eine Projektion gebraucht. Doch erst Jahre und viele Bilderbibeln später fand er es – in der ältesten Bibeldarstellung überhaupt, der Quedlinburger Itala.

Seine Sammlung will Meier einer Institution übergeben, um sie öffentlich zugänglich zu machen. Das teuerste Werk aber hat er in seine neue Wohnung gebracht: Das Speyer Evangelistar, dank 3D-Druck erstmals im nachgemachten Prachteinband. Und ja: Meier hat selbst Bibelszenen illustriert – letztes Jahr einen Kalender zum 50. Geburtstag von Bischof Felix Gmür.


Text: Regula Pfeifer, freie Journalistin