Stolpersteine

«Versuchung»

Wenn ich in meinem Kurs «Wie geht katholisch?» das Thema «Christlich beten» behandle, stolpern einige der Teilnehmenden oft über die Bitte im «Vater unser»: «Und führe uns nicht in Versuchung …».

Dass es Versuchungen alltäglich gibt, wird nicht bezweifelt – von der «zartesten Versuchung, seit es Schokolade gibt» bis hin zu Onlineportalen für Seitensprünge.

Aber was soll dann diese Bitte? Dass Gott mich dahin führt, wo ich all das nicht mehr sehe? Was ist das für ein Gott, wird dann gefragt, den ich eigens darum bitten muss, mich nicht in solche Versuchung zu führen?

In den oft lebhaften Diskussionen kann ich neuerdings darauf hinweisen, dass sich auch die französischen Bischöfe intensiv mit dieser Frage befasst haben. Sie sind zur Erkenntnis gekommen, dass eine Änderung angezeigt ist. Das bisherige «Ne nous soumets pas à la tentation» (übersetzt etwa: unterwerfe uns nicht der Versuchung) lautet in der neuen Fassung: «Et ne nous laisse pas entrer en tentation». Das heisst übersetzt etwa: Und lass uns nicht auf die Versuchung eingehen.

Deutsche Bibelwissenschaftler plädieren dafür, die deutsche Übersetzung ebenfalls zu ändern. Vorschläge gibt es genug: von der an Origines angelehnten Bitte: «Lass nicht zu, dass wir der Versuchung erliegen» bis hin zu der (eher in freikirchlichen Kreisen gebrauchten) Formulierung: «Und führe uns in der Versuchung».

Egal, wie man es letztendlich formuliert, unbestritten ist wohl, dass Versuchungen allgegenwärtig sind. Und ich persönlich finde das auch in einem positiven Sinne reizvoll. Was wäre mein Leben ohne Versuchungen – und damit ohne Bewährungsproben?

Meine Liebe und Treue, mir selbst und anderen gegenüber, kann ich doch nur beweisen, indem ich solche reizvollen Angebote zwar wahrnehme, ihnen aber nicht erliege, nicht auf sie eingehe. Deshalb bitte ich Gott lieber darum, mich in solchen Situationen zu führen, anstelle mich erst gar nicht in solche hinein zu führen.

Denn dann müsste ich auch konsequenterweise Gott darum bitten, mich an einen Ort zu führen, in dem es keine Schokolade gibt, kein Fernsehen, kein Internet und vieles mehr. Und das will ich ganz sicher nicht.

 

Näheres zum Kurs «Wie geht katholisch?»: www.zhkath.ch/schnupperkurs

Text: Rudolf Vögele  Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus