Editorial

Auf mich zukommen lassen

Den Champagnerkorken, den ich an Silvester in den Himmel schiesse, werde ich mit dem Wunsch versehen, nächstes Jahr so absichtslos durch mein Leben fliegen zu können wie er durch die Nacht.

Die Zeit der guten Vorsätze ist da. Besuch einen Computerkurs – und bring Ordnung ins Chaos deiner Passwörter, raune ich mir zu. Geh auch bei Regen joggen. Hör auf, spätabends die Käseglocke zu plündern. Zum Jahreswechsel ist das Leben besonders anstrengend. Dieser Drang zur Selbstoptimierung! Im neuen Jahr werde ich das Beste aus meinem Leben machen, und das Beste aus mir selbst. Wobei mir etwas Besseres als das Beste immer noch möglich erscheint.

Ziele zu haben beruhigt mich, es ist Hoffnung in Aktion. Hinter meinen Zielen verbirgt sich der Traum, ein ideales Leben leben zu können. Doch sind Träume nicht auch dazu da, Träume zu bleiben? Perfekt designte Ziele, ahne ich, führen nicht zu einem perfekt designten Leben. Sie nähren nur die Illusion, dass es ein perfektes Leben geben könnte.

Tauchen Chancen und Möglichkeiten nicht meist an ganz anderen Orten und in anderer Form auf, als ich sie erwarte? Gerade dann, wenn ich nicht auf meine Ziele konzentriert bin? Weil die Fixierung auf Morgen am Heute vorbeiführt?

«Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu schmieden», sagte John Lennon.

An Silvester werde ich dieses Jahr einfach mal die Latte nicht höher setzen. Trotz persönlichem Verbesserungspotenzial nehme ich mir nur ein Ziel: Ich will das Leben auf mich zukommen lassen und schauen, was es mir anbietet.

«Wenn du dein Ziel nicht kennst, wird dich jeder Weg hinführen», sagte ein anderer Beatle. Vielleicht sollten wir alle auf George Harrison hören.


Text: Pia Stadler