Stolpersteine

Aus der Krippe betrachtet

Weihnachten kann unsere Sicht der Welt gar nicht radikal genug auf den Kopf stellen.

Eben haben wir die Geburt eines Kindes gefeiert – und nach der liturgischen Ordnung feiern wir sie noch bis zum Fest «Taufe des Herrn» am Sonntag nach Epiphanie.

Dass die Christen die Geburt eines Kindes feiern, war in der Antike eine ungeheure Provokation. Und sie ist es bis heute geblieben, auch wenn wir uns dessen nicht mehr so bewusst sind.

Gilbert Keith Chesterton hat einmal festgestellt, die Christen hätten die alte Familienordnung einfach auf den Kopf gestellt. Statt «Vater – Mutter – Kind» laute die Hierarchie nun «Kind – Mutter – Vater». Ein Kind, das in Armut geboren wird und mit seinen Eltern auf der Flucht ist, ein Kind mit ungewisser Zukunft also. Und dieses eine Kind soll DER HERR sein?! Eine solche Revolution hätten sich die alten Römer und Griechen bestimmt im Traum nicht träumen lassen.

Die christlichen Mystiker entfalteten diese Provokation noch weiter. Meister Eckhart spricht von der Gottesgeburt in uns selbst. Für ihn besteht die Vereinigung mit Gott darin, dass dieser seinen Sohn in uns hineingebärt und wir wiederum den Sohn in Gott zurückgebären. Er beschreibt damit die innigst denkbare Beziehung zwischen Gott und Mensch, ein endloser Liebesreigen. Angelus Silesius schliesslich sagt das berühmte Wort: «Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.»

Chesterton, Eckhart und Silesius stellen uns auf den Kopf. Und so können wir uns kopfstehend überlegen: Was wäre, wenn wir selbst als Kind in der Krippe liegen würden? Wenn unsere Geburt aus und in Gott eine niemals endende Bewegung wäre? Wenn wir Christen tausendmal in Bethlehem geboren würden?

Sobald wir uns solche Fragen stellen, wird aus dem Kopfstand eine Umkehr. Nun erkennen wir endlich die dringende Notwendigkeit, Weihnachten jedes Jahr, jeden Tag, jede Stunde, jeden Augenblick zu feiern.

Es macht nun wahrhaftig Sinn, jedes neue Jahr als ganz und gar neue Chance zu begrüssen. Und in unserer Bekehrung zum Kind, werden wir von jenen Menschen, die alles im Griff haben, zu Menschen, die beschenkt werden können, weil ihre Hände offen und leer sind. – Wir werden zu Christkindern, die mit Weihnachten niemals fertig sind.





Text: Thomas Binotto