Narrenschiff

Botschaft aus der Zukunft

Zum Jahreswechsel versuche ich mir als Zukunftsprognose auszumalen, wie die Menschen in fünfzig Jahren auf unsere Zeit zurückblicken werden. Der Blick in die Vergangenheit könnte eventuell so erhellend sein wie jener in die Zukunft.

Blicken wir also kurz zurück: Können wir uns noch erinnern, wie die Bodenpreise in der Nähe von Flughäfen und Autobahnen stiegen, weil es chic und modern war, möglichst nah am Mobilitätspuls der Zeit zu wohnen? – Können wir uns noch erinnern, wie Atomkraft als saubere und nachhaltige Zukunftsenergie gepriesen wurde? – Können wir uns noch erinnern, wie es als gutes Recht galt, dass Frauen nicht abstimmen und wählen durften? – Können wir uns noch erinnern, wie Asbest unbedenklich verbaut wurde?

Für eine persönliche Erinnerung daran bin ich zu jung. Ich weiss aber, dass wir heute über Verkehrslärm stöhnen. Dass uns Atomkraft Angst macht. Dass Frauen ohne politische Rechte Stoff für Komödien sind und Asbest Stoff für Sondermüll.

Längst nicht alles, was mal modern, chic und hipp war, wird heute noch als Segen empfunden. Und damit meine ich nicht nur so harmlose Geschmacksverirrungen wie die Achselpolster der 80-er Jahre. 

Der Zeitgeist früherer Tage hat uns materiell und geistig vieles hinterlassen, dessen Nachhaltigkeit wir bis heute verfluchen. Und so mancher «letzter Schrei» erhält durch die Zeit einen schrillen Nachklang.

Ich kann mir deshalb gut vorstellen, dass «Social Media» in 50 Jahren als Etikettenschwindel enttarnt ist; dass unsere Dauervernetzung als hilfloses Zappeln im Spinnennetz interpretiert wird; dass unser williges Datenfüttern globaler Multis als Unterwerfung verspottet wird; dass unser Lechzen nach Virtualität als Hirngespinst und unser Kurznachrichtenfieber als kognitiver Analphabetismus diagnostiziert werden. Kurz: Ich fürchte, in 50 Jahren werden die Menschen über unsere naive Modernität nur noch verständnislos den Kopf schütteln.

So weit die kuschlige Zukunftsprognose. Die ungemütliche lautet: In 50 Jahren werden unsere Nachfahren alle Hände voll damit zu tun haben, den Schaden zu beheben und den Müll zu entsorgen, den wir gerade in gedankenloser Euphorie anhäufen. Sie werden uns deshalb mit einem kräftigen analogen Fluch zum Teufel wünschen.

Und weil ich diesen Fluch jetzt schon aus der Zukunft zu mir durchklingen höre, bleibe ich auch 2018 skeptisch, wann immer jemand behauptet, er habe das eine ultimative Wunderding und die eine endgültige Antwort entdeckt. Diese Übung dürfte interessant werden: Sich die Hits der Moderne als abgenutzte Brockistücke vorzustellen.


Text: Thomas Binotto