Leben in Beziehung

Ein Lob der Prüfungsphase

Oft wird über Stress geklagt. Er kann aber auch unverhofft positive Nebenwirkungen haben, wie unsere Autorin Luana Nava entdeckt hat.

Anfang Semester bin ich alleine unterwegs. Die ersten zwei Wochen renne ich durch Zürich und organisiere mir einen möglichst effizienten Stundenplan.

Wo meine Kollegen sind? Keine Ahnung! Alle suchen sich ihre eigenen Seminarräume. Nach einem Monat haben sich die ersten fixen Verabredungen etabliert: jeden Mittwoch vor der Vorlesung einen Kaffee mit X trinken – am Donnerstagabend mit Y ins Pilates.

Nach einem weiteren Monat weiss ich allmählich, wer wann wo zu Mittag isst und wer wann eine Freistunde hat. Und dann naht auch schon die Prüfungsphase – und damit geht es mit meinem sozialen Leben steil bergauf!

Es mag nicht auf alle Studierenden zutreffen, ich jedoch erlebe in meinem Umfeld Erstaunliches: Je näher die Prüfungsphase rückt, desto mehr soziale Kontakte werden im Alltag gepflegt. In dieser Phase sind auf einen Schlag praktisch alle Mitstudierenden von früh bis spät an der Uni – ohne Einschränkungen. Jetzt heisst es nach einem Seminar plötzlich nicht mehr «Hast du noch was vor?», sondern «In welche Bibliothek gehst du?»

Nie ist es so einfach, mit jemandem einen Kaffee zu trinken, einen Begriffe-Abfrage-Partner zu finden oder auch einfach ein gemeinsames Thema zu haben. «Wie geht’s mit deinen Prüfungen?» – «Uff» – Und schon hat man sich gefunden. 

Vor allem in den ersten Semestern wird einem richtig bewusst, wie essenziell die Prüfungsphase für das soziale Leben ist. Sie liefert einen perfekten Grund, um einen quasi Unbekannten zu fragen, ob er oder sie sich mit dir treffen möchte – und sei es nur, um gemeinsam die Texte für die Methodenvorlesung durchzugehen.

Dadurch, dass wir uns nun alle im selben Boot befinden, werden wir gezwungen, zusammen zu rudern. Und je grösser die Wellen, desto vereinter müssen wir rudern.

Obwohl ich mich wie die meisten immer wieder über den erhöhten Leistungsdruck, die Prüfungen und Bologna fluchen höre, so muss ich doch zugeben: Die stressigste Zeit des Jahres ist auch meine sozialste, denn sie ist die einzige Phase, in der sich die Studis um mich herum alle uneingeschränkt einer Sache verschreiben und in den Lerngruppen das Gefühl entsteht: Wir schaffen das gemeinsam!

Ob man nun zu dritt jede Bibliothek von Zürich abklappert oder bei einem Gruppenglühwein Vokabeln repetiert, das spielt keine Rolle. Denn auch wenn nebeneinander lernen nicht bedeutet, dass man Zeit für Gespräche über Gott und die Welt hat oder die grössten Berge erklimmt, so verbindet dieses stille Studieren in Gesellschaft dennoch.

Und das Beste an der Prüfungsphase ist schliesslich, dass genau diese nebeneinander verbrachten Stunden in der Bibliothek die Chance geben, sich nach den Prüfungen auch mal einfach so zu sehen. Darum bin ich der stressigsten Zeit des Jahres dankbar – für die Bekanntschaften, die sie jedes Semester mit sich bringt.

Text: Luana Nava

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Luana Nava studiert in Zürich Germanistik und Politikwissenschaft.

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Beziehungen müssen bewusst gepflegt werden. Und das geschieht nicht nur in den ganz grossen Fragen, auch die scheinbar kleinen, alltäglichen verdienen ihre Denkanstösse…

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