Editorial

Plädoyer für kleine Welten

Ich glaube, es gibt einen Zusammenhang von globalisiertem und apokalyptischem Denken. Und deshalb schätze ich die kleine Welt meines Alltags.

In dieser kleinen Welt begegne ich täglich so vielen freundlichen Menschen. Ich darf mit ihnen leben und arbeiten, bin mit ihnen bluts- oder wahlverwandt, pflege mit ihnen engere oder losere Freundschaften – und manchmal teile ich mit ihnen auch nur für 40 Minuten das Abteil im Pendlerzug.

Immer wieder staune ich über die vielen so unermüdlich tätigen Menschen in meiner Kleinstadt. Sie setzen sich für eine gute Nachbarschaft ein, geben ihre Zeit und ihre Talente für eine lebendige Gemeinschaft hin, pflegen und fördern unsere Lebensqualität, engagieren sich sozial, gesellschaftlich, politisch, manchmal organisiert und oft auch ganz selbstverständlich und unscheinbar.

Im Alltag fühle ich mich deshalb immer wieder als Glückskind, das vom Leben reich beschenkt wird. In meiner kleinen Welt bin ich von Menschen guten Willens umgeben. Und dieser gute Wille überstrahlt jedes Parteibuch, jede Nationalität, jedes Standesbewusstsein und auch jedes Glaubensbekenntnis.

Die kleinen Welten gehen im Blick auf die globale Welt leicht unter. Von dort wird alles, was in dieser Welt schiefläuft, penetrant in mein Wohnzimmer gepumpt. Bis schliesslich auch mein eigener Haussegen schief zu hängen scheint.

Die Sternsinger verkünden uns in diesen Tagen den Segen Gottes und setzen als sichtbares Zeichen dafür die Formel «20*C + M+B+18» über unsere Türen. Genau das ist auch mein Glaube: dass Gott in meiner kleinen Welt gegenwärtig ist. Und dass er mich als dankbares Glückskind dazu ermutigen will, für all jene, die mich mit ihrem guten Willen tragen, ebenfalls ein Mensch guten Willens zu werden.

Text: Thomas Binotto