Stolpersteine

«Sünde»

«Sünde» ist im wörtlichen Sinne auch relativ: Sie hängt von der jeweiligen Beziehung zu Gott ab.

«Ich habe gesündigt» hört man um diese Jahreszeit von vielen, die über die Weihnachtszeit gut und viel Süsses gegessen haben. «Kommt drauf an!», entgegne ich denen oft: «Wenn du abnehmen willst, dann ja. Wenn du dieses Ziel aber gar nicht hast und es geniessen konntest, dann war es sicher keine Sünde!»

Das Wort Sünde lässt sich vom altnordischen Verb «sundr» herleiten und bedeutet trennen, (ab)sondern. Sünde ist nach dieser Erklärung also alles, was mich von meinem Weg oder Ziel abbringt. Für einen gläubigen Menschen ist demnach alles «Sünde», was ihn von Gott trennt, was von einem Leben als Christin und Christ ablenkt oder gar abbringt.

Damit beginnt jedoch erst das Problem um das rechte Verständnis von «Sünde»: Was jeder Mensch als Sünde empfindet, hängt wesentlich von seinem Gottesbild und seiner Beziehung zu Gott ab. Ist es für die einen eine Sünde, am Sonntag nicht in den Gottesdienst zu gehen, ist es für andere eine, auch diesen Tag zu «verplanen», sich keinen wirklichen Ruhetag zu gönnen – und deshalb nicht zu sich selbst und zu Gott zu finden. Zugespitzt formuliert: Wenn ich jeden Sonntag spirituell unterernährt aus dem Gottesdienst hinausgehe, ist es sündhaft, mir keinen anderen  Ort für mein «geistliches Wachstum» zu suchen.

Wenn ich unsere heutige Zeit jedoch richtig einschätze, dann gibt es eine viel tiefer liegende Basis-Sünde: dass immer mehr Menschen Gott gar nicht mehr suchen. Man redet angeblich über Gott und die Welt, aber man ringt gar nicht mehr um die Gottesfrage «Wer oder was ist Gott?» oder die Frage nach Sünde «Was ist Sünde?». Solche Fragen sind weitgehend tabuisiert. Selbst innerhalb der Kirchen finden kaum noch echte Streitgespräche statt. Dabei lebt der Glaube aus dem Dialog, steht und fällt mit unserer Bereitschaft, unseren je eigenen Glauben zu ver-antworten.

Was also ist «Sünde»? Darüber lässt sich toll streiten! Beenden wir doch das Sündigen, dieses Thema abzusondern!

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich