Narrenschiff

Warnung vor Lesebrillen

Ich sehe ja buchstäblich ein, dass es nicht länger ohne Brille geht. Aber eine Nebenwirkung macht mir das Lesen verdammt schwer: Ich kann neuerdings wieder Produktinformationen entziffern.

Als Kind und Schüler hatte ich eine klare Vorstellung vom Erwachsensein: Nie mehr Eltern und Lehrer, die mich mit Anweisungen nerven! – Endlich fernsehen, wann ich will, was ich will und so viel ich will. Nie mehr ein Buch lesen, das mich schon im Vorwort langweilt. Nie mehr Dinge wissen, die ich für überflüssig halte. Ich habe davon geträumt, der Erziehungshölle zu entkommen.

Abgesehen davon, dass mir in der Rückschau die Hölle von Jahr zu Jahr himmlischer vorkommt, bin ich – Fluch meiner Lesebrille – in eine neue Erziehungshölle geraten. Ich kaufe nun Früchte, auf denen «Ready to eat» steht. Und rätsle darüber, ob mir die Frucht aufgrund einer UNO-Konvention ausdrücklich die Erlaubnis zum Rein-
beissen geben muss.

Tees empfand ich bislang als recht harmlos. Bis ich ihr Etikett entziffern konnte. Seither liest sich dieses wie der Beipackzettel eines Medikaments, das niemals hätte freigegeben werden dürfen.

Noch bevor ich kulinarisch sündigen kann, wird mir am Regal bereits der Tarif durchgegeben: Welches Stück ein Stück zu viel sein wird und wie viele überflüssige Nährwerte ich damit auf dem Gewissen habe. Schuldbewusst stehe ich im Geschäft, als sei ich gerade beim Diebstahl erwischt worden.

Und bereits bin ich so konditioniert, dass ich bei Christbäumen diesen Warnhinweis vermisse: «ACHTUNG! Nicht geeignet für Kinder unter 36 Monaten, wegen Erstickungsgefahr durch verschluckbare Kleinteile.»

Die Lesebrille war eigentlich gedacht, mir das Lesen von Büchern zu erleichtern. Aber diese Freude werde ich wohl nie erleben, weil ich meine Freizeit nun mit der Lektüre von Etiketten verbringe. Selbst meine Kochbücher bleiben ungelesen, seit ich ab Rezept in Mikroschrift koche.

Produktbeschreibung ist zu meiner Literatur  des Alltags geworden. Tragödien drohen, wohin die Hand im Regal greift. Epische Dramen entfalten sich  mit jeder Verpackungsschicht. Inhaltsangaben so lang wie der Abspann eines Blockbusters. Und Spoiler-Warnungen wohin das Auge schaut. Heimtückisch droht die Nuss in jedem Lebensmittel Spuren zu hinterlassen.

Wenn ich mich nach langem Ringen doch entschliesse, das Abenteuer eines Milchkaufs zu wagen – schliesslich wird er Milch enthalten – dann verwirrt mich spätestens beim nächsten Frühstück der Hinweis «Serviervorschlag». Was soll ich darunter verstehen, wenn mir auf der Packung die Nationalmannschaft des DFB entgegenlächelt?

Text: Thomas Binotto