Leben in Beziehung

Die Abdankung…

«… fand im engsten Familienkreis statt» oder «eine Trauerfeier wird nicht gewünscht» liest man in vielen Todesanzeigen. Der Tod ist zu einer Privatsache geworden. Ich finde das schade.

In meinem Alter ist die Teilnahme an einer Trauerfeier keine Seltenheit. Ich suche in meiner Vergangenheit nach Verbindungen. Was bedeutete mir diese Person? Wie wichtig war sie für mich? Was habe ich zu unserer Beziehung beigetragen? Hätte ich mehr tun können oder sollen? Und schon bald fallen mir Episoden und Erlebnisse ein, die mich zum Schmunzeln bringen oder aber mich nachträglich beschämen. 

Aus dem vorgetragenen Lebenslauf vernehme ich Unbekanntes, aber auch Interessantes. Kritik wird ausgespart. Ganz klar, der bessere Teil der Menschheit ist bereits unter dem Boden. Einmal nur hörte ich einen Pfarrer sagen, der Verstorbene hätte auch dunkle Seiten gehabt. Er hätte seine Familie oft drangsaliert. Davon wusste der Pfarrer. Oft genug wurde er in der Not dort als Beistand gerufen.

In meiner Lehrzeit trumpften die Beatles gross auf. Das färbte auch auf mich ab. Ich trug fortan lange Haare und liebte die Musik der Pilzköpfe über alles. Mein direkter Lehrmeister lachte mich deswegen aus und fand das Getue um diese Stars überflüssig und unverdient. Wir gerieten deswegen noch oft aneinander. Jahrzehnte später sass ich bei der Abdankung dieses Mannes in der Kirche. Der Organist spielte sehr gefühlvoll lauter Stücke aus dem Repertoire der Beatles, es war wohl der Wunsch des Verstorbenen gewesen…

Ein alter Mann kam oft an unserm Garten vorbei. Stets hatte er seine Gitarre dabei. Eines Tages bat ich ihn, mir etwas vorzutragen. Völlig unbefangen legte er los. Sein Gesang und sein Gitarrenspiel waren nicht besonders gut. Aber alles war grundehrlich und kam von Herzen. Er konnte nicht wissen, dass ich zu jener Zeit in der Musikschule eine Gitarrenausbildung genoss. Irgendwann erfuhr er es und er bat mich, etwas vorzuspielen. Sein Instrument war falsch besaitet und liess sich gar nicht stimmen. Darum versprach ich, ihn im Altersheim, wo er wohnte, mit meinem Instrument zu besuchen. In den besten Absichten intonierte ich einige meiner liebsten Stücke. 

Heute weiss ich, dass das grundfalsch war. Er wähnte sich als König. Ich hatte ihn von seinem Thron gestossen. Bei seiner Abdankung waren eine Handvoll Leute zugegen. Ein Pflichtpfarrer hielt die Feier. Er hatte nie etwas vom alten Mann mit der Gitarre gehört und wusste nichts über ihn. 

Ohne Voranmeldung stand ich auf und erzählte von meinen Begegnungen. Seine Fähigkeit, unbefangen zu musizieren, würde für mich unvergesslich bleiben. Mit meinen Paradestücken, die ich dann vorspielte, verbeugte ich mich vor ihm und bat ihn um Entschuldigung. Ich hoffe, dass er mir vergeben hat.

Text: Giovanni Schäfli

Angebot laufend

Giovanni Schäfli ist mehrfacher Grossvater. Er war 40 Jahre Pfarreirat in St. Ulrich, Winterthur.