Stolpersteine

«Gnade»

Gnade gehört zur Gerechtigkeit In den Gesetzen der Natur kommt Gnade nicht vor. Sie ist ein unverdientes Geschenk. Das für Gläubige in Gott seinen eigentlichen Ursprung hat.

Auch wenn es etwas altmodisch klingt, gehört «Gnade» zu meinen Lieblingswörtern der deutschen Sprache. Das hat nicht nur mit dem Klang, sondern auch mit dem tiefen Inhalt zu tun, der im Wort mitschwingt.

Heute denken dabei viele Menschen weniger an die Erlösung durch Gott als an die menschliche Justiz oder Redewendungen. Man kann jemanden begnadigen oder Gnade vor Recht ergehen lassen. Manch alt gewordenes Tier erhält sein Gnadenbrot. Ehepaare, die 70 Jahre verheiratet sind, feiern die seltene Gnadenhochzeit. All das zeigt, dass es sich um ein unerwartetes Geschenk handelt. Es ist einem vom Leben oder durch Menschen unverdient zugefallen.

Das ist keineswegs selbstverständlich. In der biologischen Auslese der Natur kommt Gnade als bewusste Entscheidung nicht vor. Schwache annehmen und aus Liebe vergeben, steht für gelebte Menschlichkeit.

Für Gläubige ist die Gnade göttlichen Ursprungs und wird in die menschlichen Herzen gegeben. Wenn Jesus vorlebte, dass er Schuld ohne Vorbedingungen vergab wie sein himmlischer Vater, dann war das aussergewöhnlich. Gottes Gnade übersteigt unsere Massstäbe bei Weitem.

Trotzdem verstehe ich es so, dass seine Gerechtigkeit auch ein zentraler Wesenszug ist. Die vergebende Gnade ist von Gott immer schon geschenkt, aber es kommt auf unsere Annahme an. Die vorgängige Vergebung kann bei uns wirksam werden durch unsere Reue. In der Liebe müssen Gnade und Gerechtigkeit zusammenwirken, damit Täter und Opfer gerettet werden.

Was heisst das für uns? Wie gnädig sollen wir sein? Sind harte Strafen nicht nötig, um Opfer besser zu schützen? Führt zu viel Gnade im Justizsystem zu einer gefährlichen Kuscheljustiz?

Der katholische Glaube lässt selbst im Jenseits die Möglichkeit einer Läuterung offen. Im Angesicht Gottes kann jeder Mensch noch bereuen und umkehren. So gilt der alte baltische Hausspruch für alle Menschen im Leben und im Tod: «Wechselnde Pfade, Schatten und Licht: Alles ist Gnade; fürchte dich nicht.»

Text: Michaele Madu, Pastoralassistentin Pfarrei Bruder Klaus, Volketswil