Stolpersteine

«Dämon»

Die «wüeschte Grinde» haben als Masken wieder Hochkonjunktur. Und sie kommen unseren Vorstellungen von Dämonen ziemlich nahe.

Furchterregend und böse schauen sie drein oder dann abgrundtief verzweifelt und verloren. Sie sind abstossend und anziehend zugleich, auf jeden Fall faszinierend.

Die Fasnacht ist eine uralte Form, die Dämonen zu bezwingen und zu zähmen. Dazu lassen die Menschen sie so nahe an sich heran wie nur möglich: Indem sie ihre Gestalt annehmen, machen sie ihre Wirklichkeit sichtbar.
Da wird nichts auf Distanz gehalten oder verdrängt. Da wird der Tatsache Ausdruck verliehen, dass wir alle unabhängig von der Fasnacht mehr oder weniger von Dämonen besessen sind – und dass dies alles andere als harmlos ist.

Masslosigkeit, Schamlosigkeit, Habsucht, Neid, Zorn, Trägheit, Eitelkeit und Stolz. So heissen bei Evagrios Pontikos, einem antiken Wüstenvater, die acht Laster. Er verfügte über grosse Erfahrung im Umgang mit ihnen und nannte sie auch die acht Dämonen oder die acht Gedanken. Gerade diese letzte Bezeichnung zeigt, dass es weniger um skurrile, furchteinflössende Wesen geht als vielmehr um Mechanismen in uns selbst. Der Gedanke der Eitelkeit beispielsweise nimmt alle anderen Gedanken in Beschlag, bis sich alles nur noch um die Selbstdarstellung dreht und dieser zudient – koste es, was es wolle. Man ist davon besessen.

Natürlich gibt sich der jeweilige Dämon die allergrösste Mühe, nicht als solcher erkannt zu werden. Denn nur solange uns seine Anwesenheit nicht bewusst ist, kann er ungestört sein Unwesen treiben. Der erste Schritt, ihn zu besiegen und zu zähmen, liegt daher in der Beobachtung der eigenen Gedanken und Gefühle. Ist der Dämon entlarvt, verliert er seine Gefährlichkeit. Es gilt dann, ihn nach seinem Namen und seiner Herkunft zu fragen. Das kann die Gründe für sein schädliches Treiben ans Licht befördern und die seelischen Verletzungen heilen, die häufig mit im Spiel sind.

Da die Kehrseite jedes Lasters eine Tugend ist, wird der Dämon dadurch erlöst, dass er seine Kraft fortan dieser zur Verfügung stellt: der Nüchternheit, Keuschheit, Grosszügigkeit, Liebe, Gelassenheit, Tapferkeit, Wahrhaftigkeit oder der Demut.

Man sagt übrigens, dass jeder Mensch seinen Lieblingsdämon habe. Die Fastenzeit könnte eine Möglichkeit sein, ihm auf die Schliche zu kommen.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte