Gedanken zur Fastenzeit

Dazwischen

Aschermittwoch. Das Alte ist vorüber. Die gesegneten Palm- und Olivenzweige des Vorjahres sind verbrannt. Ihre Asche haftet für einen Moment an unserer Stirn, ruht, wie im Heiligen Land verbreitet, für einen Augenblick auf unserem Scheitel, bevor wir mit leeren Händen hinausgeschickt werden. Noch lässt das Neue auf sich warten. Ungewissheit und Neugier, Angst und Vorfreude, Ahnung und Hoffnung prägen den Weg.

Erster Samstag in der Fastenzeit. Das schwere Holzportal der Grabeskirche fällt ins Schloss. Wer auf dem Kirchplatz steht, hält inne, wenn sich Ordensleute, Klerus und Gläubige zum feierlichen Einzug nähern. Ein Klopfen an die Tür, ein Fenster, eine Leiter und ein Schlüssel. Nach altem Ritual wird das Portal den Wartenden langsam aufgeschoben. Woche um Woche wird das Portal an den kommenden Samstagen nachmittags in sein Schloss fallen, um kurz darauf dem alten Ritual folgend aufgeschoben zu werden. Es erinnert uns: Es ist die Zeit, in der sich Türen schliessen und neue Türen öffnen.


«Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, fasste Jesus den festen Entschluss, nach Jerusalem zu gehen.» Dies sind Worte aus dem Lukasevangelium. Auf seinem Weg lehrte Jesus, trieb Dämonen aus, sprach Menschen Mut zu, warnte vor falschem Festhalten an materiellem Besitz, rief auf zur Wachsamkeit und Sorge. Und setzte beharrlich seinen Weg nach Jerusalem fort, dessen letzten Abschnitts wir als Kreuzweg, als Via Dolorosa, als Weg der Schmerzen, gedenken.


Palmsonntag. Vor den Schmerzen steht die Freude. Die frischen Ölzweige sind geschnitten, kunstvoll geflochtene Palmwedel warten auf den neuen Segen. Über den Ölberg hinunter ins Kidrontal, vorbei am Garten Gethsemane mit seiner biblischen Geschichte von Todesangst und Verrat, hinauf nach Jerusalem, jener Stadt, von der Lukas Jesus sagen lässt, sie töte ihre Propheten, führt der Weg von Alt zu Neu. Wie vor zweitausend Jahren gehen wir ihn, Einheimische und Besucher aus aller Welt, erleichtert über die Atempause der Freude in ungewisser Zeit. Ein langer Weg liegt hinter uns, und anders als vor zweitausend Jahren wissen wir: Das Ziel ist zum Greifen nah.

Text: Andrea Krogmann

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Die Journalistin und Fotografin Andrea Krogmann lebt und arbeitet seit 2010 als Nahostkorrespondentin der Katholischen Nachrichtenagentur KNA in Jerusalem.