Kommentar zur «No Billag»-Initative

Gratis-Kultur – eine Illusion

Die «No-Billag»-Initiative hat zu Grundsatzdebatten geführt. Das ist richtig so, denn es geht tatsächlich um grundlegende Fragen.

Solidarität reguliert sich nicht von selbst

Hörfassungen, Untertitelung, Gebärdensprache – all diese Dienstleistungen für Behinderte werden bislang solidarisch von allen Billag-Bezahlern gemeinsam mitfinanziert. Auf dem
freien Markt würden Behinderte, aber auch kranke und gebrechliche Menschen nach dem «Verursacherprinzip» behandelt.

Ausdruck schweizerischen Gemeinsinns

Nicht nur was die Integration von Behinderten betrifft, entspricht die SRG unserem Verständnis von Gemeinsinn. In diesem Sinn für föderalistische Solidarität unterstützen wir auch eine gute Grundversorgung für sprachliche Minderheiten, geografische Randregionen, wirtschaftlich Benachteiligte. Wir pflegen traditionell eine Kultur des Ausgleichs, damit nicht ausschliesslich wirtschaftlich starke urbane Zentren dominieren.

«Gratis-Kultur» ist eine Illusion.

Nur weil im Netz viele Inhalte kostenlos zugänglich sind, bedeutet das nicht, dass sie auch gratis sind. Am Ende wird es immer einen Kunden geben, der dafür bezahlen muss.
Es gibt keine Firma, die Werbung schaltet, weil sie damit redaktionelle Inhalte kostenlos zur Verfügung stellen will. Sie will uns als Kunden für ihre Produkte gewinnen. Wir bezahlen unsere «Gratis-Kultur» also mit unserem Konsumverhalten.

Jahresbeitrag 2018 mit Billag im Vergleich mit…

Jahresbeitrag 2018 mit Billag im Vergleich mit… Foto: Simone Juon (Infografik)

…Jahresbeiträgen ohne Billag.

…Jahresbeiträgen ohne Billag. Foto: Simone Juon (Infografik)

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Preislich attraktive Grundversorgung 

Wer das Fernseh- und Radioangebot der SRG durch private Dienste ersetzen will, der kommt schnell viel teurer als mit der Billag (siehe Infografik). Er wird zwar mit Flatrate-Angeboten teilweise viel mehr Quantität erhalten – mehr als er überhaupt nutzen kann und will. Allerdings werden dort in der Regel Redaktionen durch Software ersetzt. Für andere Angebote der SRG wird dagegen gar kein Ersatz geboten.

Vielfalt kostet mehr als Massenware

Der Markt orientiert sich an Trends. Das gilt auch für Medienprodukte. Die Programme der deutschen Privatsender beispielsweise sind praktisch austauschbar und bieten kaum Vielfalt, weil auch hier Massenware günstiger zu produzieren ist als Spezialanfertigungen. Die Nische wird nur dann bedient, wenn der Kunde bereit ist, dafür einen höheren Preis zu bezahlen.

Globale Player dominieren den Markt

Der Schweizer Markt ist im globalisierten Mediengeschäft klein – zu klein! Ohne SRG würden internationale Konzerne diesen Markt eher früher als später dominieren. Ihre Rücksicht auf typisch schweizerische Eigenarten wäre gering, weil wirtschaftlich unrentabel. Wenn wir Schweizer die Schweiz im Fokus haben wollen, dann müssen wir diesen Fokus auch selbst garantieren und finanzieren.

SRG braucht Reform – nicht Umsturz

Viele Befürworter von «No Billag» argumentieren mit Reformbedarf. Damit haben sie recht. Die SRG muss sich als Grossunternehmen in einem sehr dynamischen Markt selbstverständlich reformieren. Nur wird darüber am 4. März nicht abgestimmt. Die «No Billag» zielt nicht auf Reformen, sondern auf Umsturz. Richtigerweise müsste sie deshalb «No SRG» heissen. Wer dem «Staatsfernsehen» jetzt einen Denkzettel verpassen will, sollte sich bewusst sein, dass die Folgen weit über einen Warnschuss hinausgehen werden. Und die SRG muss sich bewusst sein, dass sie sich dringend auch dann bewegen muss, wenn «No Billag» abgelehnt wird.

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

Nein zur «No Billag»-Initiative sagen die
Schweizerische Bischofskonferenz (SBK) und die
Römisch-katholische Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ)