Interview

«Mut zum Wandel»

Seit einem Jahr leitet Bernd Nilles die Geschicke von Fastenopfer. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Herr Nilles, Sie sind seit Mitte April 2017 Geschäftsführer von Fastenopfer. Wie fühlen Sie sich?

Bernd Nilles: Ausgezeichnet. Jetzt, da ich mit den kirchlichen und entwicklungspolitischen Strukturen der Schweiz vertraut bin, kann ich mit grosser Freude Fastenopfer nach aussen vertreten. Die Zusammenarbeit mit Bischöfen und Kirchgemeinden, mit dem Deza und anderen NGOs ist äusserst bereichernd.
Fastenopfer ist nach einem eher schwierigen Jahr 2016 auch intern wieder gut aufgestellt und bereit, sich in die Gesellschaft einzubringen.

Was zeichnet Fastenopfer als NGO aus?

Im Gegensatz zu Geldgebern wie Weltbank und Regierungen unterstützen wir mit kleinen Summen Projektpartner. Mit diesen Beträgen von 20 bis 50 000 Franken können wir in schwer zugänglichen Regionen bereits Grosses bewirken. 

Dort arbeiten wir mit Bevölkerungsgruppen, die ausgegrenzt sind auf Grund ihrer Ethnie, weil sie Frauen sind oder weil sie von ihrem Land vertrieben werden, da sie wirtschaftlichen Interessen im Wege stehen.

Zudem ist jedes Projekt, das wir fördern, eine Antwort auf globale Krisen. Unsere Arbeit soll zu einem Wandel beitragen, damit die Wirkung über Generationen hinweg nachhaltig ist.

Transformation – Wandel – lautet auch die FO-Strategie 2017 – 2022.

Genau. In zahlreichen Gesellschaften haben wir heute viel erreicht: Demokratie, Wohlstand, Freiheiten. Doch diese Errungenschaften gehen einher mit Wachstum, Materialismus und Konsumverbrauch, die weit über die planetarischen Möglichkeiten hinausgehen. Damit haben wir systemische Krisen geschaffen – beim Klima, in Wirtschaft und Landwirtschaft, bei den Rohstoffen –, die uns zeigen: So kann es nicht weitergehen.

Wir müssen über Suffizienz nachdenken. Wie viel benötigen wir, um glücklich zu sein? Wir benötigen einen Systemwechsel.

In «Laudato si» fordert Papst Franziskus ein neues Verständnis von Fortschritt und Zukunft und lädt die Menschheit zu einem weltweiten Dialog ein, um zu klären, wie ein gangbarer Weg aussehen könnte.

Zu diesem Dialog lädt auch Fastenopfer ein. Wir haben kein neues System parat, aber wir können Hilfestellungen anbieten, um Grundsteine für einen Wandel zu legen. Im Dialog mit unseren Partnern haben wir grosses Know-how aufgebaut. Viele Probleme sind erkannt und die Lösungen, die für lokale Kontexte entwickelt wurden, lassen sich auch auf Länder übertragen.

Was bedeutet die Strategie konkret für die Arbeit von Fastenopfer?

Wir stehen weiterhin solidarisch an der Seite der Bedürftigen. Aber wir arbeiten auch im verstärkten Dialog mit unseren Partnern im Süden am Umbau von Gesellschaft und Wirtschaft und der Nutzung der Umwelt.

Fastenopferintern konzentrieren wir uns auf vier systemische Probleme: Ausbeutung der Rohstoffe, Klimafrage, Recht auf Nahrung, Geschlechtergerechtigkeit. In einem Innovationslaboratorium erarbeiten wir neue Ansätze des Wirtschaftens.

Fastenopfer ist bei der Uno-Agenda 2030 engagiert. Wie können die Ziele für nachhaltige Entwicklung umgesetzt werden?

Regierungen und Zivilgesellschaften müssen eng zusammenarbeiten. Es braucht aktive Bürgerinnen und Bürger, die sich einmischen, und mutige Menschen in der Politik. So kann die ambitionierte Agenda eine Erfolgsgeschichte werden.

Was bedeutet Fastenzeit für Sie?

Ich verstehe sie als Einladung, den Wandel auszuprobieren. Weniger Fleisch essen, weniger Auto fahren, Energie sparen – ohne eigenen Wandel schaffen wir den gesellschaftlichen Wandel nicht.

Text: Pia Stadler

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Bernd Nilles, 47, wurde in Deutschland geboren und studierte Sozial- und Politikwissenschaften in Duisburg. Vor seinem Stellenantritt als Geschäftsführer bei Fastenopfer leitete er neun Jahre lang die Internationale Katholische Allianz CIDSE mit Sitz in Belgien. Nilles ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie in Luzern.

FOTO: CHRISTOPH WIDER, FORUM